Sonntag, 27. Juni 2021

Die Polyvagaltheorie von Stephen Porges

Die Polyvagaltheorie ist eine wissenschaftlich bestätigte Theorie über die Interaktion von Gehirn und Körper. Sie erweitert das herkömmliche Verständnis unseres autonomen Nervensystems (ANS) und untermauert den Umstand, dass wir Menschen soziale Lebewesen sind und dass soziale Interaktion überlebenswichtig ist für unser psychisches und körperliches Wohlbefinden.

Die Polyvagaltheorie kann als Paradigmenwechsel in der Psychotherapie betrachtet werden. Sie eröffnet nicht nur eine neue Betrachtungsweise von Trauma, sondern sie liefert auch valable Erklärungsansätze für psychiatrische Diagnosen und ganz generell für das Verständnis von Denken, Wahrnehmen und Fühlen des Menschen. Zudem leistet sie einen Beitrag an das Leib-Seele Problem, und sichert in der Praxis etablierte Interventionsmethoden und Einsichten wissenschaftlich ab. Die Polyvagaltheorie handelt vom menschlichen Nervensystem und versteht viele psychologische Phänomene als Folgen des biologischen Aktivierungszustandes des Nervensystems.  

Stephen Porges erklärt die Polyvagaltheorie in 4 Minuten: Was ist die Polyvagaltheorie? (mit deutschen Untertiteln)

Neurozeption oder: Wie erkennen wir Gefahr oder Sicherheit?
Mit dem neuen Begriff Neurozeption beschreibt Begründer Porges die Wahrnehmungsmöglichkeiten des menschlichen Organismus, Gefahr (oder auch Sicherheit) zu erkennen. Dieser unbewusste Prozess geschieht kontinuierlich und ohne jegliche Anstrengung. Stellen Sie sich ein Radarsystem vor, das unsere Umwelt unaufhörlich abscannt, und Informationen an das Gehirn und die Organe sendet. Je nach Rückmeldung und Einstufung als gefährlich oder sicher wird der Körper autonom – also ohne bewusste Steuerung – bestmöglich auf die aktuelle Situation angepasst. Wenn es sicher scheint, setzen Entspannungsprozesse ein, wenn es gefährlich werden könnte, wird Energie für eine Handlung mobilisiert und die Wahrnehmung geschärft, und wenn weder Flucht, Verteidigung oder Kampf gewinnbringend scheint, geht der Körper in eine Erstarrung über als eine letzte Überlebensmöglichkeit.

Neurozeption umfasst (1) unsere Umwelt ausserhalb unseres Körpers. Dazu gehört alles, was wir mit unseren Sinnen wahrnehmen können. Ferner (2) beinhaltet Neurozeption innere Prozesse wie Herzschlag, Körpertemperatur, Anspannung er Muskeln, Körperhaltung oder Schmerzwahrnehmung. Und drittens (3) scannt die Neurozeption zwischenmenschliche Signale nach Hinweisen der Sicherheit oder Gefahr ab. Das heisst, verbale und nonverbale Informationen des Gegenübers werden unbewusst registriert und sofort unbewusst in den Dimensionen ‘sicher’ oder ‘gefährlich’ bewertet. Dazu gehören auch nonverbale Bereiche wie Mimik, Körperhaltung, Gestik, Prosodie (Melodie des Gesprochenen), Geruch, Bewegungen, und alle anderen Wahrnehmungsbereiche, die Informationen über Menschen liefern können. So erklärt sich, warum ein natürlich lächelndes Gesicht in uns angenehme Gefühle und allenfalls gar Entspannung auslösen kann. Es signalisiert Sicherheit.

Die drei Zustände des Autonomen Nervensystems (ANS)

Bisher wurde das menschliche ANS vornehmlich als ein binäres System betrachtet, das entweder aktiviert oder deaktiviert ist. Dank der mittlerweile über 40-jährigen Forschungstätigkeit von Stephen Porges u.a. konnte empirisch belegt werden, dass das ANS jedoch drei Zustände umfasst, wovon zwei parasympathisch sind und einer sympathisch. Im Folgenden werden die drei Zustände genauer beschrieben.

·       SOCIAL ENGAGEMENT SYSTEM = zu Deutsch das soziale Bindungssystem. Dieses entspricht einem Zustand der Sicherheit und wird durch den ventralen Vagus aktiviert. Dadurch werden Hormone/Neurotransmitter wie Oxytozin oder Serotonin freigesetzt. Dieser ventral-vagale Zustand steuert Bereiche oberhalb des Zwerchfells, vor allem jene, die wir für soziale Aktivitäten benötigen: Gesicht, Mund, Kehlkopf, Rachen und Mittelohr sowie das Herz. Es wird mit Entspannung, Spiel, Kreativität, Verdauung, Ausruhen und einer verstärkten Verbindung zu sich selbst und anderen (und damit auch verstärktes Mitgefühl und Empathie) in Verbindung gebracht. Evolutionsgeschichtlich ist dieser Zustand der jüngste und auch derjenige, der Säugetiere von Reptilien und anderen älteren Lebensformen unterscheidet.

·      FIGHT / FLIGHT REAKTION = zu Deutsch Kampf oder Flucht. In diesem Zustand der sympathischen Aktivierung ist unser Körper aktiviert und handlungsbereit. Die Ausschüttung von Adrenalin, Cortisol und Noradrenalin führt zur Einengung des Fokus (auf die Gefahr), Erhöhung des Blutdrucks, der Atemfrequenz und der Herzrate, und zur Verminderung der Verdauungsaktivität und Speichelproduktion. Unser Körper ist bereit, sofort zu reagieren, er ist sozusagen geladen und damit auch angespannt.

·     FREEZE = zu Deutsch Erstarrung, Immobilisierung. Dieser parasympathische Zustand wird durch den dorsalen Teil des Vagusnerv aktiviert und regelt überwiegend die inneren Organe, die unter dem Zwerchfell liegen: den Magen, Teile des Darms, die Leber und die Nieren. Entwicklungsgeschichtlich handelt es sich um den ältesten Teil, die basalste Form der Reaktion. So verfügen auch Einzeller über diese Form der Reaktion auf Gefahren. Bei Tieren ist die Reaktion als Totstellreflex bekannt. Das Hauptziel dieses Zustandes ist ein Überleben, wenn Kampf oder Flucht nicht mehr verfügbar sind. So werden alle wichtigen Funktionen auf ein Minimum gedrosselt (Herzrate, Blutdruck, Atemfrequenz, Muskeltonus, etc.). Endorphine vermindern die Schmerzempfindlichkeit und führen zu einem Gefühl der Taubheit. Der Fokus der Wahrnehmung und damit die Orientierung gehen verloren («leerer Blick»), Gesichtsausdruck wird unbeweglich, die Stimme wird monoton, das Gehör wird empfindlicher auf extrem tiefe und hohe Frequenzen (erhöhte Lärm-Empfindlichkeit).


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Auf der Grafik (nur in Englisch) sind ebenfalls auch die üblichen Gefühle aufgelistet, die mit den Zuständen assoziiert sind. Was ich hier besonders hervorheben möchte ist, dass diese Gefühle, Wahrnehmungen und körperlichen Prozesse alles Folgen der Neurozeption, bzw. des Zustandes des Nervensystems sind, und nicht umgekehrt. Wir haben Angst, weil wir sympathisch aktiviert sind, und nicht umgekehrt. Der körperliche Zustand bestimmt das Gefühl und wie wir darüber denken. Unser Gehirn bildet im Nachhinein eine Story, die zum Körpergefühl passt. Diese nachträgliche Sinngebung kann folgendermassen verdichtet werden:

·       Soziales Bindungssystem (Sicherheit) / ventral-vagal / parasympathisch = «Ich bin» (Sein, Entspannung, Verbundenheit)

·       Gefahr / sympathisch = «Ich kann» oder «Ich muss» (Wahlmöglichkeit oder Druck, Dringlichkeit)

·       Erstarrung / Todesgefahr / dorsal-ventral / parasymathisch = «Ich kann nicht» (Hoffnungslosigkeit, Depression, Resignation)

Co-Regulation und ihre Aufgabe

Der Begriff Co-regulation beschreibt den Umstand, dass sich menschliche Nervensysteme gegenseitig beeinflussen. Sie kommunizieren sozusagen miteinander, unabhängig davon, ob oder was wir miteinander sprechen. Wir alle kennen diesen Prozess von der Interaktion mit einem Baby. Das Nervensystem eines Neugeborenen kann sich noch nicht selber regulieren, und ist angewiesen auf eine Person (meist die Mutter), die ihm dabei hilft. Dies geschieht durch Einstimmung (attunement), Spiegeln der Gesichtsausdrücke, Laute und Gefühle, etc. und durch feine körperliche Berührung, die ja nachweislich beruhigend wirkt. Wenn jemand voller Angst in eine Psychotherapiesitzung kommt, und sich im Laufe der Sitzung beruhigt, dann ist dies wohl zu einem grossen Teil auf den Effekt der Co-Regulation zurückzuführen. Somit wird auch klar, weshalb der beste Weg, das Gegenüber zu beruhigen, ist, selber ruhig zu sein. Die Polyvagaltheorie bestätigt die menschliche Interaktion als den zentralen Faktor im Erlernen und Erhalten der körperlichen und psychischen Gesundheit.

Stephen Porges erklärt die Polyvagaltheorie in 4 Minuten: Was ist die Polyvagaltheorie?

Polyvagaltheorie und Trauma

Die grösste Bedeutung erhält die Polyvagaltheorie im Bereich (Psycho-)Trauma. Ein solches kann definiert werden als ein Zustand, in dem das autonome Nervensystem Alarm schlägt, auch wenn eine Situation gar nicht (so) gefährlich ist.  Psychotherapeut und Gründer des SomaticExperiencing Ansatzes Dr. Peter Levine erklärt Trauma als erstarrten Zustand des Schocks, bei dem die zur Flucht oder Verteidigung notwendige Energie im Körper eingefroren und damit gefangen wurde. Dadurch finden sich traumatisierte Menschen in einem dorsal-vagalen Freeze-Zustand (Dissoziation) wieder, und haben die Verbindung zu sich selbst, zu ihrer Lebensenergie, zu den Selbstheilungskräften des ventralen Vagus weitgehend verloren. Sie stecken im Zustand des «Ich kann nicht» fest und erfahren oft eine Hoffnungslosigkeit, Orientierungslosigkeit und Perspektivenlosigkeit. Nicht selten führt das zu einer sekundären Depression, die aufgrund der verwandten Symptomatik zu PTBS nicht trennscharf abgrenzbar ist. Anders ausgedrückt wird ein psychisches Trauma nicht durch das auslösende Ereignis definiert, sondern durch die dysfunktionale Reaktion des Nervensystems. Trauma entsteht, wenn das Nervensystem überfordert ist, und die eigene defensive Energie auf die eintreffenden Eindrücke nicht verarbeiten und integrieren kann. Der Grund, weshalb Traumatisierte stecken bleiben und sich nicht wie Tiere spontan erholen, ist die Angst vor der Intensität der ‘gefangenen’ Energie. Interessanterweise vermeiden Tiere eine psychische Traumatisierung, indem sie die nicht genutzte Mobilisierungsenergie im wahrsten Sinne des Wortes abschütteln oder wegzittern. Dadurch wird diese wieder freigesetzt, kann wieder fliessen und steht dem Tier wieder zur Verfügung. Das PTBS Kernsymptom der Hyperaktivierung (Hyperarousal) entspricht in der Polyvagaltheorie der sympathischen Aktivierung und Hyperfokussierung auf eine subjektiv als bedrohlich erlebte Situation. Die Symptome der Hypoaktivierung (Hypoarousal), Dissoziation und Vermeidung würden in der Polyvagaltheorie dem dorsalen Erstarrungszustand entsprechen. Was dies für die Therapie und Heilung von Trauma bedeutet, werde ich an anderer Stelle ausführen.  

Bedeutung der Polyvagaltheorie für die Psychotherapie

·     Die Polyvagaltheorie eröffnet neue Interventionsmöglichkeiten, welche physiologische Veränderungen unterstützen, und welche ihrerseits auch zu Veränderungen in der Gesundheit und Beziehungsvitalität führen. Dabei geht es vor allem darum, sich mehr mit dem Körper zu verbinden. Wir wissen, dass die Verkörperung, das wirkliche Sein im eigenen Körper und die Aufmerksamkeit auf die Signale des Körpers ein großer Teil der Heilung sind.

·      Je mehr verbunden und verkörpert wir sind, umso besser funktioniert der Informationsfluss zwischen Gehirn und Organen (oder Frontalhirn, Limbischem System und Stammhirn) und damit umso besser ist das Wissen verfügbar darüber, was uns guttut, was wir brauchen und wollen und was nicht. Dies sind die Grundlagen für eine gesunde Selbstregulierung.

·       Je mehr verbunden und verkörpert wir sind, umso besser der Energiefluss in unserem Körper und umso lebendiger fühlen wir uns und umso mehr Energie steht uns zur Verfügung.

·       Anhand von spezifischen Übungen zur Aktivierung des ventralen Vagus können wir erlernen, uns zu beruhigen.

·       Die lange belächelte und nicht voll genommene Körpertherapie erhält gewichtige wissenschaftliche Fundierung.

·       Verhalten, Symptome und Erleben können als Folge des Zustandes des Nervensystems verstanden werden. So muss die Ätiologie und das Verständnis vieler psychiatrischer Diagnosen neu überdacht werden und als potentielle Folgen eines suboptimal funktionierenden Nervensystems betrachtet werden. Dazu gehören Phänomene, die bisher durch kognitive Prozesse erklärt wurden oder als genetisch vererbbar gegolten hatten (Autismus, ADHS, Angst, Depression, bipolare Störung, etc.).

·       Polyvagaltheorie liefert die wissenschaftliche Erklärung folgender Aspekte

o   Zentrale Bedeutung der sozialen Verbindung (wirkt beruhigend) – social engagement system

o   Zentrale Beziehung der Selbstregulation des Therapeuten (Co-Regulation)

o   Window of tolerance: Interventionen sollen auf Zustand des ANS des Patienten abgestimmt sein

·     Die (psychotherapeutische, aber auch somatische) Behandlung kann direkt an der Wurzel des Problems ansetzen, an der (Dys-)Regulation des Nervensystems. Damit können jahrelange kopflastige Psychotherapien, die nicht zur erwünschten Veränderung führen, vermieden werden. Dies führt zu einer Steigerung der Effizienz der Psychotherapie.
·      Die Polyvagaltheorie macht deutlich, dass der Einfluss frühkindlicher und pränataler Dysregulation, respektive Trauma, wohl bisher unterschätzt worden wurde. Denn die Funktionsweise jedes menschlichen Nervensystems wird einerseits durch genetische Faktoren bedingt, und andererseits durch frühe Erfahrungen des Nervensystems in Interaktion mit der Umwelt. Dazu gehören pränatale, perinatale und postnatale Erfahrungen, sowie frühkindliche Erfahrungen bis zum dritten Lebensjahr, welche den prägendsten Einfluss auf unser Nervensystem haben

Resilienz
Unter Resilienz versteht man die Fähigkeit eines Menschen, widerstandsfähig auf Belastungen zu reagieren. Die Polyvagaltheorie definiert Resilienz als Fähigkeit des Nervensystems, Belastungen und die damit verbundene Aktivierungsenergie zu erleben, zu verarbeiten und zu integrieren. Auch hier findet sich eine Analogie zum Körper: Resilienz wird oft anhand der Herzratenvariabilität gemessen. Je mehr Variabilität unser Herz fähig ist zu produzieren, umso höher die Resilienz, mit Stress-Situationen umgehen zu können. Mit anderen Worten: Je mehr wir fähig sind, unangenehme Gefühle zu spüren und auszuhalten, umso stärker und resilienter sind wir. Mit diesem Lieblingsparadoxon möchte ich diesen Beitrag beenden: Um Dich stark fühlen zu können, musst Du lernen, Dich schwach zu fühlen.  

 

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