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Gedanken & Erfahrungen aus der Sicht eines Psychotherapeuten
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Die Idee für dieses Modell kam mir neulich an einem Sonntagmorgen im Dämmerzustand – und ich möchte sie hier kurz skizzieren. Es ist keine ausgereifte, wissenschaftliche Theorie, sondern ein Gedankenspiel, das ich im Moment spannend genug finde, um es in diesem Blogbeitrag zu teilen.
Kommen wir gleich zum Kern: Persönlichkeit ist letztlich nichts anderes als chronifizierte Überlebensstrategien, mit denen wir uns im Laufe des Lebens identifiziert haben. Im Buddhismus gilt das Ego als ein Zustand des Festhaltens, der Rigidität und als Einschränkung der natürlichen Flexibilität. Ganz ähnlich sieht es die westliche Psychiatrie: Rigidität wird hier fast immer mit Pathologie assoziiert. Persönlichkeitszüge oder Verhaltensmuster gelten meist erst dann als problematisch oder pathologisch, wenn sie starr, alternativlos und unreflektiert ablaufen.
Beispielsweise reagiert jemand mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (wie z.B. Trump) auf Kritik fast immer nach demselben Muster: Abwehr, Leugnung, Abwertung des Gegenübers und ein umso brutalerer Gegenangriff. Warum? Weil die darunterliegende Verletzlichkeit – das schmerzhafte Gefühl, nicht gemocht oder gar verlassen zu werden – komplett abgespalten und verdrängt ist. Es wäre schlicht zu bedrohlich, dieses Gefühl zuzulassen. Das bringt uns zur ersten Achse unseres Koordinatensystems.
Die Frage hier lautet: Wie sehr bin ich mit meiner eigenen Verletzlichkeit verbunden?
Die Psychologie nutzt dafür je nach Schule unterschiedliche Begriffe: Carl Gustav Jung sprach vom Schatten, Fritz Perls von abgespaltenen Polaritäten, Sigmund Freud von Verdrängung. Traumatherapeuten wie Pierre Janet oder Bessel van der Kolk betonen die Schutzfunktion der Dissoziation, während Körpertherapie-Pioniere wie Wilhelm Reich und Peter Levine auf die energetischen und regulativen Einbussen im Nervensystem hinweisen.
Die Gemeinsamkeit all dieser Konzepte liegt in der Überzeugung, dass Abspaltung oder Dissoziation unser System in seiner Lebenskraft schwächt. Erst wenn auch unsere Schattenseiten integriert und akzeptiert sind, können wir voll und lebendig im Leben stehen. Oder um es mit einem Paradox auf den Punkt zu bringen: Erst wenn wir uns erlauben, uns verletzlich und schwach zu fühlen, werden wir wahrhaftig stark.
Betrachten wir nun die Dimension, die dieses System vervollständigt.
Hier geht es um die Aufmerksamkeit: Wie sehr bin ich um mich selbst zentriert und wie sehr beim Gegenüber?
Auf der einen Seite steht der extreme Selbstfokus. Das kann bedeuten, die eigenen Bedürfnisse rücksichtslos über die anderer zu stellen (klassischer Narzissmus). Es kann aber auch sein, dass das eigene Innere so laut nach Aufmerksamkeit «schreit», dass schlicht kein Raum bleibt, um sich jemand anderem zuzuwenden. Letzteres erleben wir oft bei Menschen mit einer Borderline-Dynamik. Je stärker diese Dimension des ausschliesslichen Selbstfokus ausgeprägt ist, umso schwieriger wird es, nährende Beziehungen zu führen. Denn jede gesunde Beziehung lebt von der Gegenseitigkeit: dem Wechselspiel aus Geben und Nehmen, Zuhören und Erzählen.
Das andere Extrem – der komplette Fokus auf das Gegenüber – ist jedoch genauso problematisch, wenn auch subtiler. Menschen mit dieser Ausprägung fallen weniger auf. Sie halten sich mit ihren Bedürfnissen zurück, meiden das Rampenlicht und sind oft so sehr mit der Haltung «Ich bin mit wenig zufrieden» identifiziert, dass sie den eigenen Mangel gar nicht mehr wahrnehmen. Sie haben sich vielleicht innerlich schon halbwegs damit abgefunden, immer als Letzte dranzukommen oder leer auszugehen. Sie reden sich ein, dass die Zufriedenheit des anderen sie glücklich macht und sie nicht mehr brauchen. Natürlich gibt es hochsensible Menschen, die die Freude anderer tief mitempfinden können. Dennoch behaupte ich: Es ist neurobiologisch und psychologisch ein riesiger Unterschied, ob ich meine eigenen Bedürfnisse erfülle oder lediglich jemand anderem dabei zusehe.
Diese permanente Ausrichtung nach aussen geschieht natürlich nie grundlos. Oft war sie in der Kindheit überlebenswichtig:
Szenario A: Der Vater hatte ein Alkoholproblem, und man wusste nie, in welcher Stimmung er nach Hause kommt. Also war es überlebenswichtig, den inneren Radar permanent nach aussen zu richten, um die Stimmung im Raum frühzeitig zu lesen und regulierend einzugreifen. Erst wenn die Situation im Aussen «sicher» war, gab es überhaupt eine Chance auf Zuwendung.
Szenario B: Ein autistisches Kind macht immer wieder die Erfahrung, dass sein ungefiltertes, authentisches Verhalten auf Ablehnung stösst. Auf diese Weise wird «Sichtbar-Sein» mit Schmerz und unangenehmen Erfahrungen verknüpft. Die logische Folge: Das Kind tut alles, um unsichtbar zu werden, passt sich extrem an und greift zum sogenannten Masking, um schlicht nicht mehr aufzufallen.
Schauen wir uns die verschiedenen Quadranten an, die sich ergeben
1. Quadrant (rechts oben): Fokus auf eigene Person und in Kontakt mit Verletzlichkeit
→ negativer Narzissmus: Mit eigener Verletzlichkeit und Bedürftigkeit im Zentrum stehen
→ Was fehlt? Fokus aufs Gegenüber,
Zuhören, Empathie für das Gegenüber, Erfahrung, auch gesehen
zu
werden ohne Drama und Bedürftigkeit
Identifikationen:
«Die Welt ist ungerecht – ich bekomme immer zu wenig»
«Ich bin schwach und brauche viel Aufmerksamkeit und Unterstützung»
«Ich bekomme nur Aufmerksamkeit, wenn es mir nicht gut geht»
2. Quadrant (links oben): Fokus auf eigene Person und abgespalten von der Verletzlichkeit
→ Narzisst / Borderline
→
Was fehlt? Selbstkontakt, Eigene Bedürftigkeit / Verletzlichkeit zu
spüren,
Raum und Interesse für das Gegenüber,
Selbstreflektion
Identifikationen:
«Ich bin etwas Besonderes und verdiene alle Aufmerksamkeit» (Narzissmus)
«Wenn ich ganz viel habe und leiste, werde ich vielleicht geliebt und spüre den Mangel in mir nicht mehr»
3. Quadrant (unten links): Fokus auf Gegenüber und abgespalten von der Verletzlichkeit
→ Selbstentfremdung, Dissoziation, überangepasster «Roboter»
→ Was fehlt?
Selbstkontakt, Selbstakzeptanz, Erfahrung, in einer Beziehung zu sein
und so sein zu
können wie man ist, Authentizität fehlt,
Grenzen, eigene Identität
Identifikationen:
«Ich bin nicht richtig, so wie ich bin»
«Meine Bedürfnisse überfordern andere»
«Spüren ist gefährlich oder überfordernd»
«Aufmerksamkeit anderer ist bedrohlich»
4. Quadrant (unten rechts): Fokus auf Gegenüber und in Kontakt mit Verletzlichkeit
→ Selbstunsicher, überangepasst, teils passiv-aggressiv, Helfersyndrom
→ Was
fehlt? Selbstvertrauen, Selbstkontakt, Selbstakzeptanz, Grenzen,
Erfahrung, sich selbst sein zu
dürfen in einer Beziehung
(insbesondere autonom und stark sein zu dürfen)
Identifikationen:
«Meine Bedürfnisse sind nicht so wichtig»
«Ich bin mit wenig zufrieden»
«Wenn ich die
Bedürfnisse des Gegenübers befriedige, erhalte ich vielleicht
irgendwann einmal etwas Nährendes für mich»
«Ich bin nur liebenswert, wenn ich mehr gebe als nehme»
«Ich bin nicht gut genug»
Dieses Koordinatensystem kann Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten als intuitive Orientierungshilfe in der Praxis dienen. Mithilfe der zwei Achsen lassen sich Klienten grob in einem der vier Quadranten verorten. Auf einen Blick wird deutlich, welche Polaritäten im System noch fehlen oder abgespalten sind, um den Weg in Richtung Ganzheit und Authentizität einzuschlagen.
Was also ist das Ziel, und wo im Modell findet sich ein gesund, authentisch lebender Mensch wieder?
Auf der ersten Achse ganz klar auf der Seite des Kontakts zur eigenen Verletzlichkeit. Auf der horizontalen Achse («Fokus auf sich» versus «auf andere») bewegt sich dieser Mensch hingegen flexibel. Er ist idealerweise sowohl mit sich selbst als auch mit dem Gegenüber tief verbunden. Und sollte diese Balance einmal verloren gehen, besitzt er die regulatorische Flexibilität, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Fähigkeit, gleichzeitig die inneren Signale des eigenen Körpers und die Signale des Gegenübers wahrzunehmen, nennen wir in der Therapie Dual Awareness (duale Aufmerksamkeit).
Das Modell fokussiert auf zwei zentrale psychotherapeutische Kompetenzen:
1. Dual Awareness ist eine Kernkompetenz für Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die sich trainieren lässt.
2. Fähigkeit, in Kontakt mit der eigenen Verletzlichkeit zu sein: Diese Fähigkeit macht den feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen einer echten Begegnung auf Augenhöhe und einem distanzierten Kontakt, bei dem wir uns hinter unserer professionellen Rolle verstecken und als Mensch nicht spürbar sind.
Je mehr wir uns trauen, in der Therapiesitzung als fühlende, verletzliche Menschen präsent zu sein – natürlich ohne die eigene Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen, umso mehr gewinnt die Beziehung an heilender Menschlichkeit.
Wie kraftvoll das ist, erlebte ich unlängst in einer Supervision: Ich versuchte einer Supervisandin zu erklären, warum es so wichtig ist, dass auch ich einen spürbaren Draht zu meiner eigenen Verletzlichkeit halte, wenn mein Gegenüber sich öffnet. Während ich darüber sprach, wurde ich selbst einen Moment lang emotional – ohne dabei die professionelle Fassung zu verlieren. In genau diesem Moment fühlte sich die Supervisandin zutiefst gesehen. Es war für uns beide der lebendige Beweis wie wertvoll ein authentisches Gegenüber sein kann. Meist ist es nicht nötig, diese eigene Berührtheit zum Thema zu machen, denn das Gegenüber wird sie unwillkürlich spüren und sich in der eigenen Verletzlichkeit weniger alleine fühlen.
Was versteht man unter Resilienz? Eine mögliche Definition lautet folgendermaßen:
«Resilienz (von lateinisch resilire „abprallen“, „zurückspringen“) bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit. Es ist die Fähigkeit, Krisen, Rückschläge oder traumatische Erlebnisse ohne langfristige Beeinträchtigung zu bewältigen und sogar an ihnen zu wachsen.
Diese
Definition lässt meiner Meinung nach den spannendsten Aspekt von
Resilienz aus, nämlich WIE
Belastungen bewältigt werden. Hier kann man unterschieden zwischen
Verarbeiten
oder Wegstecken.
Im Allgemeinenen geht eine
geringe Resilienz oft einher mit einer schwachen Emotionsregulation
und gilt als Prädiktor für spätere psychische Probleme (Beeghly
et al., 2016). In
den meisten Büchern zu Resilienz werden dann Ressourcen
aufgelistet, welche zur Resilienz beitragen. Diese können in drei
Gruppen gegliedert werden:
(1) Persönliche Ressourcen wie Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung und Selbstwirksamkeit
(2) Soziale Ressourcen wie sichere Bindung, soziale Unterstützung und Zugehörigkeit
(3) Neurophysiologische Ressourcen wie vagaler Tonus (Effektivität des Parasympathikus, zu beruhigen), Toleranzfenster und Neuroplastizität
Das Problem einer solchen Auflistung besteht darin, dass unklar ist, ob diese Faktoren Ursache oder Folge von Resilienz darstellen. Führt Optimismus zu Resilienz oder ist Optimismus eine Folge von Resilienz. Ich vermute letzteres. Oft wird auch betont, dass es sich bei Resilienz nicht um eine statische Eigenschaft handelt, die man besitzt oder nicht, sondern um einen dynamischen Prozess, der gelernt werden kann. Leider bleibt die grosse Frage, wie das denn geschehen soll, in den meisten Büchern zum Thema unbeantwortet. Um hier einen Schritt weiterzukommen, kann eine Unterscheidung von zwei Arten von Resilienz helfen.
Denn je nachdem, was wir unter Resilienz verstehen, unterscheidet sich der Weg dahin grundsätzlich. Es sind zwei Arten von Resilienz denkbar:
a) Resilienz als Wegstecken (ohne aktive Regulation):
Wer diese Art von Resilienz fördern möchte, bemüht sich womöglich, weniger Unangenehmes zu spüren, indem er wegspürt, sich ablenkt, verdrängt, sich unempfindlich macht oder verschliesst. Diese Art der Bewältigung basiert auf Trennung und Abstumpfung und nicht auf einer Verbesserung der Regulationsfähigkeit.
b) Resilienz als aktive Regulationsfähigkeit:
Wer Resilienz als aktiven Regulationsprozess versteht, wird sich bemühen, seine Wahrnehmung zu schärfen und zu öffnen, besser hinzuspüren, Emotionen nicht zu blockieren, sondern hineinzuatmen und durchziehen zu lassen. So kann die Angst vor Belastungen und intensiven Emotionen abnehmen, beziehungsweise das Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit zunehmen – sprich: man gewinnt an Resilienz.
Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit des Organismus, flexibel und adaptiv auf Belastungen zu reagieren und so ein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Als Kleinkinder besitzen wir alle diese natürliche Offenheit, Anpassungsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit. Erst im Laufe des Lebens lernt unser System, sich zu schützen, indem es sich auf potnezielle Bedrohungen wappnet. Eine Person, die überwältigende Emotionen erlebt hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit flacher atmen, einen höheren Muskeltonus (sprich Anspannung) an den Tag legen als jemand ohne diese Erfahrungen. Das Nervensystem wird eingeschränkter funktionieren, und mit der Zeit wird sich in der Person womöglich ein tieferes Energieniveau etablieren – sozusagen ein chronisches Herunterdimmen der energetischen Intensität.
Damit verkleinert sich die Amplitude der emotionalen Intensität: sowohl positive als auch negative Emotionen werden weniger intensiv wahrgenommen. Und falls Sie sich fragen, ob es möglich ist, nur die negativen Emotionen zu dimmen, lautet die Antwort, leider nicht, da die beiden miteinander zusammenhängen. Vielleicht kennen Sie den Spruch „nur wer Trauer empfinden kann, ist auch fähig, Freude zu empfinden“. Er entspricht dem, was ich hier vermitteln möchte.
Wenn man sich nochmals die beiden Arten von Resilienz vor Augen hält - einerseits die Resilienz des Wegsteckens und auf der anderen Seite die Regulationsresilienz, dann wird der Gegensatz deutlich: die erstere zielt auf eine Minimierung der Intensitäts-Amplitude ab, während die letztere die Amplitude vergrößern möchte.
Die
Abbildung zeigt zwei Personen mit unterschiedlicher
(Regulations-)Resilienz: Die grüne Linie entspricht einer Person mit
hoher Resilienz, respektive einem großen Toleranzfenster. Diese
Person kann Emotionen hoher Intensität wahrnehmen, ohne dass
einengende Mechanismen einsetzen. Sie funktioniert auf einem
energetisch hohen Niveau und dimmt ihre Lebensenergie wenig ein. Mit
anderen Worten: diese Person besitzt eine hohe Vitalität, und
verspürt auch intensive positive und negative Emotionen, hat also
große Stimmungsschwankungen, nimmt diese aber nicht als bedrohlich,
sondern als belebend wahr. Die rote Kurve entspricht einer Person mit
einer eingeschränkten Resilienz und kleinem Toleranzfenster, z.B
eine traumatisierte Person. Der Behälter (Container), der Emotionen
halten kann, ist schnell voll und überläuft: Subjektiv werden dann
zwar sehr intensive Emotionen wahrgenommen, aber diese sind
überwältigend und überfordern die Regulationsfähigkeit des
Systems. Dieses verschliesst sich aus Schutz und macht sozusagen alle
Schotten dicht. Im Extremfall bleiben die Schotten dauerhaft
verschlossen, was dem Phänomen einer emotionalen Taubheit oder
Alexithymie gleichkommt. Es ist nicht verwunderlich, dass diese
Person keine großartige Beziehung zu ihren Emotionen hat –
vielmehr fürchtet und vermeidet sie diese wenn immer möglich.
Zusammenfassend lässt sich zur regulativen Resilienz sagen:
Je größer die Kapazität, emotionale Intensität wahrzunehmen und zu halten (ich nenne dies auch die Schwingungsfähigkeit), umso größer auch die Herzratenvariabilität (HRV). [Diese bezeichnet die Variation in den Zeitintervallen zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen und gilt als Indikator für autonome Flexibilität]
Je größer die Amplitude der Resilienz, umso dynamischer und adaptiver kann das Herz reagieren – und zwischen sympathischer und parasympathischer Aktivierung hin- und herschalten – und umso besser die Schwingungsfähigkeit und Resilienz. Mit anderen Worten: Resilienz bedeutet flexible Anpassungsfähigkeit.
Die Forschung hat gezeigt, dass ein potenter vagaler Tonus, gemessen anhand der respiratorischen Sinusarrhythmie (RSA), einer guten Regenerationsfähigkeit und Resilienz entspricht. Je höher die RSA-Basiswerte, umso höher die Verhaltensflexibilität und Emotions- und Aufmerksamkeitsregulation (Beauchaine & Thayer, 2015).
Umgekehrt konnte in einer Vielzahl von Studien bestätigt werden, dass eine verminderte Herzratenvariabilität, sprich Rigidität des ANS, mit psychischen Erkrankungen, erhöhten Entzündungswerten und Depression korrelierte (Beauchaine & Thayer, 2015; Adams et al., 2023; Ding et al., 2024).
Abschliessend möchte ich festhalten, dass beide Formen von Resilienz wertvoll sind und einander ergänzen können. In gewissen Momenten mag es besser sein, zu verdrängen und sich zu schützen, um sich dann später in Ruhe einer Verarbeitung zu widmen. Letzten Endes muss jede Person selbst entscheiden, wie sie mit Belastungen und Emotionen umgeht. Wer einmal gute Erfahrungen mit dem einen oder anderen Ansatz gemacht hat, mag auch dabei bleiben wollen, und das ist auch gut so. Meiner Absicht mit diesem Beitrag (und meinem Buch) ist es, für Neugierige einen alternativen Weg im Umgang mit Emotionen und Stress aufzuzeigen. Wie genau die einzelnen Schritte auf dem Weg zu mehr Resilienz, Regulationsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit aussehen, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt beschreiben.
Literaturangaben:
Adam, J., Rupprecht, S., Künstler, E. C. S., & Hoyer, D. (2023). Heart rate variability as a marker and predictor of inflammation, nosocomial infection, and sepsis - A systematic review. Autonomic neuroscience: basic & clinical, 249, 103116.
Beauchaine, T. P. & Thayer, J. F. (2015). Heart Rate Variability as a Transdiagnostic Biomarker of Psychopathology. International Journal of Psychophysiology: Official Journal of the International Organization of Psychophysiology 98(2.2), 338–350.
Beeghly, M., Perry, B. D. & Tronick, E. (2016). Self-regulatory processes in early development. In S. Maltzman (Hrsg.), The Oxford handbook of treatment processes and outcomes in psychology: A multidisciplinary, biopsychosocial approach (S. 42-54). Oxford: Oxford University Press.
Brown, J. L., Sheffield, D., Leary, M. R., & Robinson, M. E. (2003). Social support and experimental pain. Psychosomatic medicine, 65(2), 276–283.
Ding, J., Wu, Y., Wang, B., & Sun, Z. (2024). The relationship between depression severity and heart rate variability in children and adolescents: A meta-analysis. Journal of psychosomatic research, 182, 111804.
For Psychiatrists, psychotherapists and other practitioners
For people struggling with mental health
For parents:
Acknowledgement
Disclaimer:
This article has been written without the help of any artificial intelligence!
Also note the German version.
Für Ärztinnen, Therapeutinnen und Behandlerinnen
Für psychisch Leidende und SelbstanwenderInnen
Für Eltern
Würdigung
Seitdem ich Bessel van der Kolks Traumaklassiker «The body keeps the score» (deutsch «Verkörperter Schrecken») gelesen habe, war ich fasziniert von der Idee des Neurofeedback. Eine Methode, bei der sich das Gehirn selbst reguliert und neue Verknüpfungen schafft, ganz non-invasiv – das schien mir besonders elegant. Neuronen unseres Gehirns kommunizieren mittels chemischer und elektrischer Prozesse miteinander. Jegliche Psychopharmaka nutzen den chemischen Weg, das Gehirn zu beeinflussen und Symptome zu lindern. Interessanterweise wird der elektrische Kommunikationsweg des Gehirns noch vergleichsweise selten genutzt, um dieses zu beeinflussen, Symptome zu minimieren oder eben die Funktionsweise von Grund auf zu verändern und neu zu trainieren. Und genau das macht Neurofeedback. Die non-invasive Funktionsweise des Neurofeedback erinnerte mich auch an die Methode des EMDR (eye movement desensitization and reprocessing), welches ich seit Jahren mit ungetrübter Begeisterung mit vielen PatientInnen anwende. Das Prinzip, dem Gehirn ein Startsignal zu geben (anhand der bilateralen Stimulation) und es dann seinen eigenen Weg finden zu lassen, um traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, gefiel mir schon damals und entsprach auch meiner Vorliebe für Autonomie und Selbstbestimmung, die ich auch gerne meinen PatientInnen gewähre. Wie auch immer. Mehr zu EMDR in meinem Blogbeitrag darüber.
Irgendwann fasste ich den Beschluss zu
einem Selbstversuch. Doch wie ich aus den zwei Fachbüchern ("Neurofeedback", "Neurofeedback in the treatment of developmental trauma") erfahren hatte, die
ich zur Vorbereitung zum Thema gelesen hatte, ist Neurofeedback zwar in der
Sitzung selbst entspannt und verlangt keinerlei Anstrengung oder Disziplin.
Dafür braucht es Einiges an Durchhaltevermögen und Konsistenz, die
wöchentlichen Sitzungen mindestens während mehreren Monaten wahrzunehmen. In
meinem Fall waren es schliesslich um die neun Monate.
Der erste Termin bestand daraus, ein qEEG meines Gehirns anzufertigen, um
zuerst zu verstehen, wie mein Gehirn überhaupt tickt. qEEG bedeutet übrigens
«qualitatives EEG» (Elektro Enzephalogramm). Dabei musste ich mir eine Kappe mit 19 Sensoren anziehen, welche meine Hirnaktivität in drei verschiedenen
Zuständen mass: a) Ruhezustand mit offenen Augen, b) Ruhezustand mit
geschlossenen Augen, c) während einer einfachen Reaktionsaufgabe.
Die Aufgabe bestand darin, so schnell wie möglich mit einer Maus zu klicken, wenn man zwei Bilder eines Tieres nacheinander gesehen hatte (nicht aber bei zwei aufeinanderfolgenden Bildern von Pflanzen), oder ähnlich. In einer weiteren Sitzung wurden die Messwerte dieses qEEGs dann besprochen, und verglichen mit einer Liste von Symptomen, die ich ebenfalls ausfüllen musste. Ich war beeindruckt, wie viele Informationen die Neurofeedback Spezialistin aus den Daten herauslesen konnte. Manche Dinge liessen jedoch auch unterschiedliche Interpretationen zu. Beispielsweise wurden bei mir mehr Thetawellen und wenig schnelle Betawellen im Frontallappen gemessen. Laut Spezialistin entspreche dies einem Stand-By-Modus, und spreche für eine leichte Unteraktivierung des Frontalbereichs. Es könne ein Zeichen für Aufmerksamkeitsprobleme sein. Eine alternative Interpretation könnte jedoch auch sein, dass die Aufgabe langweilig gewesen sei (was der Fall war), dass mein Filter nicht so gut funktioniere oder dass ich mich allenfalls abgelenkt gefühlt haben könnte. Dies nur zur Illustration. Die Thetawellen fanden sich ebenfalls frontal midline (mittig), was offenbar darauf hinweise, dass mein Gehirn mit sich selbst im Dialog sei und auf eine hohe Selbstreflektionsaktivität hinweise. Die Aktivierung meines zingulären Systems hingegen bedeute oft oppositionelle Energie, hmm… Das limbische System sähe eher gefühlsabwehrend aus, als jemand, der seine Sache gut machen wolle, könnte auch mit zwanghaften Verhaltensweisen vereinbar sein. Und schliesslich zeigten sich temporal vor der Amygdala recht hohe Deltawellen, was auf emotionale Dissoziation oder auch Tinnitus hindeuten könne. Um Sie nicht weiter mit diesen Details zu langweilen. Mein Punkt ist: Diese Interpretationen trafen alle zu: leicht abgelenkt, teils gefühlsabwehrend, leicht zwanghaft und ich habe einen Tinnitus!
Wir einigten uns, dass wir zunächst auf den Frontalbereich fokussieren würden mit dem Ziel, diesem beizubringen, sich mit weniger Energieaufwand zu aktivieren und online zu bleiben. Denn die Auswertung der Aufgabe hatte ergeben, dass mein Gehirn die Aufgabe zwar schnell und fehlerlos bewältigt hatte, jedoch mit einem enormen Aufwand an Energie.
Bevor ich zu meiner Erfahrung während und nach den Sitzungen komme, möchte ich kurz auf das grundlegende Funktionsprinzip von Neurofeedback erklären: Die Kappe, welche man sich dafür anziehen muss, enthält eine Anzahl von Elektroden, welche die elektrische Hirnaktivität messen (keine Angst, es fliesst kein Strom ins Gehirn) und an einen Computer weiterleiten. Dort kann bestimmt werden, bei welcher Aktivität ein Film oder ein Spiel laufen soll und bei welcher Aktivität der Film stocken soll. Der Level soll so gewählt werden, dass das Gehirn etwas arbeiten muss, jedoch auch zum Ziel gelangen kann, nämlich den Film einigermassen flüssig anzuschauen. Diese Art der Anordnung nennt sich Frequenzbandtraining und ist eine der ursprünglichsten Behandlungsprotokollen. Sie verlangt vom Probanden keinerlei Anstrengung. Im Gegenteil: Ich hätte nicht gewusst, wie ich es anstellen sollte, um meine frontalen Thetawellen (4-7Hz) zu heben und gleichzeitig meine tiefen Betawellen etwas zu heben (keine Ahnung, ob das Sinn macht). Mit anderen Worten: Man schaut den Film und versucht zu entspannen. Dann klappt es meist besser und das Gehirn macht, was notwendig ist, dass der Film rund abläuft. Die Sitzungen fühlen sich also nicht nach Arbeit oder Anstrengung an, obwohl das Gehirn auf Hochtouren arbeitet. Mittlerweile existieren eine kaum zu überblickende Vielzahl von unterschiedlichen Behandlungsprotokollen von einer grossen Anzahl an Softwareherstellern: Othmer Methode, Alpha-Gamma Synchronic Training, Alpha-Theta-Training, ILF Training (infra low frequencies), SCP Training (slow cortical potentials), biploares Training, Kohärenztraining, Z-Wert-basiertes Training, LENS (Low Energy Neurofeedback System von Len Ochs), LORETA-Neurofeedback (Low Resolution Electromagnetic Tomography), ZENGAR, Neuroptimal (dynamisches, non-lineares NFB, von Susan Brown) und viele mehr.
Meine Erfahrung mit dem Training
Die erste Sitzung verlief in meinem Fall etwas holprig: Es schien ein technisches Problem vorzuliegen. Der Film schien nicht recht zu reagieren, was mich in dem Moment nervte und dazu führte, dass ich mich beklagte am Ende der Sitzung. Wie soll ich oder mein Gehirn denn diese Aufgabe bewältigen und etwas lernen, wenn die Software schon gar nicht funktioniert? Berechtigte Frage, jedoch wurde im Nachhinein auch deutlich, dass der Ärger auch ein Ausdruck meines offenbar trägen Gehirns war: Es wollte seine Art der Aufmerksamkeitsregelung offenbar nicht verändern. Die nächsten Wochen mit Trainings verliefen besser, jedoch ohne grosse Veränderungen. Nach einigen Wochen schien sich ein Trend zu zeigen, und zwar ein negativer: Ich fühlte mich öfters genervt, reagierte impulsiver, war weniger gut organisiert und hatte weniger Geduld mit Kleinigkeiten. Wir interpretierten die Reaktionen als Startschwierigkeiten und beschlossen, mit dem Training in dieselbe Richtung fortzufahren. Während die frontale Aktivierung jeweils sehr gut und schnell klappte, zeigte sich bei der Beruhigung der frontalen Aktivitäten mehr Gegenwind. In den folgenden Wochen verstärkten sich die negativen Effekte, und als diese auch nach einem weiteren Anpassungsversuch keine Verbesserungen zeigten, stand fest, dass sich mein Gehirn offenbar heftigst gegen den Eingriff in die Funktionsweise meines Frontallappens wehrte. Wir änderten den Kurs und da ich so oder so unbedingt das Alpha-Theta Training ausprobieren wollte, einigten wir uns darauf. Soweit ich informiert war durch Sebern Fishers Buch «Neurofeedback in the treatment of developmental trauma» sollte Alpha-Theta Training einen Trance-ähnlichen Zustand hervorrufen. Das Training, welches im Vergleich zum bisher praktizierten liegend, mit geschlossenen Augen und mit rein auditorischem Feedback praktiziert wird, sei ein sogenanntes «Deep-state Training», wobei man in eine Art regressiven Zustand versetzt werde, in dem oft vergessene traumatische Erinnerungen hochkommen würden. Ich war schon gespannt, was denn da alles noch ans Licht kommen würde, und war dann überrascht, dass so gar nichts kam. Anstattdessen entpuppte sich das Alpha-Theta Training als ein Schnellzug in die Tiefenentspannung, und zwar derart tief, dass man fast schon von einem dorsal-vagalen Lähmungszustand sprechen könnte (ohne Angst). Wer diesen nicht kennt, kann sich gerne in meinem Blogpost über die Polyvagaltheorie dazu informieren. Die Immobilisierung war so stark, dass mir anfangs regelmässig die Hände «einschliefen», was anfangs etwas unangenehm war. Jedoch war der Entspannungszustand derart erholend und erfrischend, dass es sich trotzdem gelohnt hatte. In den folgenden Wochen verschwanden die Genervtheit, die Impulsivität und die restlichen negativen Symptome gänzlich zugunsten einer verbesserten Ausgeglichenheit, inneren Ruhe und Harmonie, welche nicht nur ich, sondern auch mein Umfeld wahrnehmen konnten. Erstaunlich, welchen Effekt diese 20 Minuten Tiefenentspannung pro Woche auf die gesamte Woche hatten! Mein Gehirn und ich waren glücklich, denn diese Art des Trainings entsprachen mir voll und ganz, und es war keine neuronale Rebellion mehr nötig! Mit fortschreitender Zeit begann ich mich zu fragen, ob sich die Effekte noch weiter verbessern würden oder ob es dabeibleiben würde. Nach Rücksprache mit der Spezialistin entschieden wir, noch bis zur 30. Stunde fortzufahren, um die Effekte zu sichern und damit für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen.
Heute, zirka zehn Monate später, fällt es mir schwer, zu sagen, inwiefern die Effekte angehalten haben oder noch anhalten. Insgesamt war es jedoch eine sehr bereichernde Erfahrung. Ich habe heute andere Wege gefunden, meinem Körper «das Geschenk der Entspannung zu geben» (ein Lieblingsausspruch von Peter Levine) und die Erfahrung der Tiefenentspannung durch das Alpha-Theta Training hat sicherlich auch dazu beigetragen, auch den angstfreien, dorsal-vagalen Zustand schätzen zu lernen, im Vergleich zum ventral-vagalen Zustand.
Ich kann Neurofeedback allen Interessierten empfehlen.
Empfehlenswerte Adressen im Raum Zürich / Winterthur: