Die
Idee für dieses Modell kam mir neulich an einem Sonntagmorgen im
Dämmerzustand – und ich möchte sie hier kurz skizzieren. Es ist
keine ausgereifte, wissenschaftliche Theorie, sondern ein
Gedankenspiel, das ich im Moment spannend genug finde, um es in
diesem Blogbeitrag zu teilen.
Kommen wir gleich zum Kern:
Persönlichkeit ist letztlich nichts anderes als chronifizierte
Überlebensstrategien, mit denen wir uns im Laufe des Lebens
identifiziert haben. Im Buddhismus gilt das Ego als ein Zustand des
Festhaltens, der Rigidität und als Einschränkung der natürlichen
Flexibilität. Ganz ähnlich sieht es die westliche Psychiatrie:
Rigidität wird hier fast immer mit Pathologie assoziiert.
Persönlichkeitszüge oder Verhaltensmuster gelten meist erst dann
als problematisch oder pathologisch, wenn sie starr, alternativlos
und unreflektiert ablaufen.
Beispielsweise reagiert
jemand mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (wie z.B.
Trump) auf Kritik fast immer nach demselben Muster: Abwehr, Leugnung,
Abwertung des Gegenübers und ein umso brutalerer Gegenangriff.
Warum? Weil die darunterliegende Verletzlichkeit – das schmerzhafte
Gefühl, nicht gemocht oder gar verlassen zu werden – komplett
abgespalten und verdrängt ist. Es wäre schlicht zu bedrohlich,
dieses Gefühl zuzulassen. Das bringt uns zur ersten Achse unseres
Koordinatensystems.
1. Achse:
Kontakt zur eigenen Verletzlichkeit versus Abspaltung
Die Frage hier lautet:
Wie sehr bin ich mit meiner eigenen Verletzlichkeit verbunden?
Die
Psychologie nutzt dafür je nach Schule unterschiedliche Begriffe:
Carl Gustav Jung sprach vom Schatten, Fritz Perls von abgespaltenen
Polaritäten, Sigmund Freud von Verdrängung. Traumatherapeuten wie
Pierre Janet oder Bessel van der Kolk betonen die Schutzfunktion der
Dissoziation, während Körpertherapie-Pioniere wie Wilhelm Reich und
Peter Levine auf die energetischen und regulativen Einbussen im
Nervensystem hinweisen.
Die Gemeinsamkeit all dieser
Konzepte liegt in der Überzeugung, dass Abspaltung oder Dissoziation
unser System in seiner Lebenskraft schwächt. Erst wenn auch unsere
Schattenseiten integriert und akzeptiert sind, können wir voll und
lebendig im Leben stehen. Oder um es mit einem Paradox auf den Punkt
zu bringen: Erst wenn wir uns erlauben, uns verletzlich und
schwach zu fühlen, werden wir wahrhaftig stark.
Betrachten wir nun die
Dimension, die dieses System vervollständigt.
2. Achse: Fokus auf die
eigene Person versus Fokus auf andere
Hier
geht es um die Aufmerksamkeit: Wie sehr bin ich um mich selbst
zentriert und wie sehr beim Gegenüber?
Auf
der einen Seite steht der extreme Selbstfokus. Das kann bedeuten, die
eigenen Bedürfnisse rücksichtslos über die anderer zu stellen
(klassischer Narzissmus). Es kann aber auch sein, dass das eigene
Innere so laut nach Aufmerksamkeit «schreit», dass schlicht kein
Raum bleibt, um sich jemand anderem zuzuwenden. Letzteres erleben wir
oft bei Menschen mit einer Borderline-Dynamik. Je stärker diese
Dimension des ausschliesslichen Selbstfokus ausgeprägt ist, umso
schwieriger wird es, nährende Beziehungen zu führen. Denn jede
gesunde Beziehung lebt von der Gegenseitigkeit: dem Wechselspiel aus
Geben und Nehmen, Zuhören und Erzählen.
Das
andere Extrem – der komplette Fokus auf das Gegenüber – ist
jedoch genauso problematisch, wenn auch subtiler. Menschen mit dieser
Ausprägung fallen weniger auf. Sie halten sich mit ihren
Bedürfnissen zurück, meiden das Rampenlicht und sind oft so sehr
mit der Haltung «Ich bin mit wenig zufrieden» identifiziert,
dass sie den eigenen Mangel gar nicht mehr wahrnehmen. Sie haben sich
vielleicht innerlich schon halbwegs damit abgefunden, immer als
Letzte dranzukommen oder leer auszugehen. Sie reden sich ein, dass
die Zufriedenheit des anderen sie glücklich macht und sie nicht mehr
brauchen. Natürlich gibt es hochsensible Menschen, die die Freude
anderer tief mitempfinden können. Dennoch behaupte ich: Es ist
neurobiologisch und psychologisch ein riesiger Unterschied, ob ich
meine eigenen Bedürfnisse erfülle oder lediglich jemand anderem
dabei zusehe.
Diese
permanente Ausrichtung nach aussen geschieht natürlich nie grundlos.
Oft war sie in der Kindheit überlebenswichtig:
Szenario
A: Der Vater hatte ein Alkoholproblem, und man wusste nie, in
welcher Stimmung er nach Hause kommt. Also war es überlebenswichtig,
den inneren Radar permanent nach aussen zu richten, um die Stimmung
im Raum frühzeitig zu lesen und regulierend einzugreifen. Erst wenn
die Situation im Aussen «sicher» war, gab es überhaupt eine
Chance auf Zuwendung.
Szenario
B: Ein autistisches Kind macht immer wieder die Erfahrung, dass sein
ungefiltertes, authentisches Verhalten auf Ablehnung stösst. Auf
diese Weise wird «Sichtbar-Sein» mit Schmerz und unangenehmen
Erfahrungen verknüpft. Die logische Folge: Das Kind tut alles, um
unsichtbar zu werden, passt sich extrem an und greift zum
sogenannten Masking, um schlicht nicht mehr aufzufallen.
Schauen wir uns die
verschiedenen Quadranten an, die sich ergeben
1. Quadrant (rechts oben):
Fokus auf eigene Person und in Kontakt mit Verletzlichkeit
→
negativer Narzissmus: Mit eigener Verletzlichkeit und Bedürftigkeit
im Zentrum stehen
→ Was fehlt? Fokus aufs Gegenüber,
Zuhören, Empathie für das Gegenüber, Erfahrung, auch gesehen
zu
werden ohne Drama und Bedürftigkeit
Identifikationen:
«Die Welt ist ungerecht –
ich bekomme immer zu wenig»
«Ich bin schwach und brauche
viel Aufmerksamkeit und Unterstützung»
«Ich bekomme nur
Aufmerksamkeit, wenn es mir nicht gut geht»
2. Quadrant (links oben):
Fokus auf eigene Person und abgespalten von der Verletzlichkeit
→ Narzisst / Borderline
→
Was fehlt? Selbstkontakt, Eigene Bedürftigkeit / Verletzlichkeit zu
spüren,
Raum und Interesse für das Gegenüber,
Selbstreflektion
Identifikationen:
- «Wenn ich ganz viel bekomme,
schmerzt vielleicht die innere Leere weniger»
«Ich bin etwas Besonderes und
verdiene alle Aufmerksamkeit» (Narzissmus)
«Wenn ich ganz viel habe und
leiste, werde ich vielleicht geliebt und spüre den Mangel in mir
nicht mehr»
3. Quadrant (unten links):
Fokus auf Gegenüber und abgespalten von der Verletzlichkeit
→ Selbstentfremdung,
Dissoziation, überangepasster «Roboter»
→ Was fehlt?
Selbstkontakt, Selbstakzeptanz, Erfahrung, in einer Beziehung zu sein
und so sein zu
können wie man ist, Authentizität fehlt,
Grenzen, eigene Identität
Identifikationen:
«Ich bin nicht richtig, so
wie ich bin»
«Meine Bedürfnisse
überfordern andere»
«Spüren ist gefährlich oder
überfordernd»
«Aufmerksamkeit anderer ist bedrohlich»
4. Quadrant (unten rechts):
Fokus auf Gegenüber und in Kontakt mit Verletzlichkeit
→ Selbstunsicher,
überangepasst, teils passiv-aggressiv, Helfersyndrom
→ Was
fehlt? Selbstvertrauen, Selbstkontakt, Selbstakzeptanz, Grenzen,
Erfahrung, sich selbst sein zu
dürfen in einer Beziehung
(insbesondere autonom und stark sein zu dürfen)
Identifikationen:
«Meine Bedürfnisse
sind nicht so wichtig»
«Ich bin mit wenig
zufrieden»
«Wenn ich die
Bedürfnisse des Gegenübers befriedige, erhalte ich vielleicht
irgendwann einmal etwas Nährendes für mich»
«Ich bin nur
liebenswert, wenn ich mehr gebe als nehme»
«Ich bin nicht gut
genug»
Wozu das Modell dienen kann
Dieses Koordinatensystem
kann Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten als intuitive
Orientierungshilfe in der Praxis dienen. Mithilfe der zwei Achsen
lassen sich Klienten grob in einem der vier Quadranten verorten. Auf
einen Blick wird deutlich, welche Polaritäten im System noch fehlen
oder abgespalten sind, um den Weg in Richtung Ganzheit und
Authentizität einzuschlagen.
Der gesunde Zielzustand: Wo
liegt die Balance?
Was also ist das Ziel, und
wo im Modell findet sich ein gesund, authentisch lebender Mensch
wieder?
Auf der ersten Achse ganz
klar auf der Seite des Kontakts zur
eigenen Verletzlichkeit. Auf der horizontalen Achse («Fokus
auf sich» versus «auf andere») bewegt sich dieser Mensch hingegen
flexibel. Er ist idealerweise sowohl mit sich selbst als auch mit dem
Gegenüber tief verbunden. Und sollte diese Balance einmal verloren
gehen, besitzt er die regulatorische Flexibilität, sich selbst
wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Fähigkeit, gleichzeitig
die inneren Signale des eigenen Körpers und die Signale des
Gegenübers wahrzunehmen, nennen wir in der Therapie Dual
Awareness (duale Aufmerksamkeit).
Warum dieses Modell für uns
Therapeuten so entscheidend ist
Das
Modell fokussiert auf zwei zentrale psychotherapeutische Kompetenzen:
1.
Dual Awareness ist eine Kernkompetenz für
Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die sich trainieren lässt.
2. Fähigkeit, in Kontakt
mit der eigenen Verletzlichkeit zu sein: Diese Fähigkeit macht
den feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen einer echten
Begegnung auf Augenhöhe und einem distanzierten Kontakt, bei dem wir
uns hinter unserer professionellen Rolle verstecken und als Mensch
nicht spürbar sind.
Je mehr wir uns trauen, in
der Therapiesitzung als fühlende, verletzliche Menschen präsent zu
sein – natürlich ohne die eigene Bedürfnisse in den Vordergrund
zu stellen, umso mehr gewinnt die Beziehung an heilender
Menschlichkeit.
Wie kraftvoll das ist,
erlebte ich unlängst in einer Supervision: Ich versuchte einer
Supervisandin zu erklären, warum es so wichtig ist, dass auch ich
einen spürbaren Draht zu meiner eigenen Verletzlichkeit halte, wenn
mein Gegenüber sich öffnet. Während ich darüber sprach, wurde ich
selbst einen Moment lang emotional – ohne dabei die professionelle
Fassung zu verlieren. In genau diesem Moment fühlte sich die
Supervisandin zutiefst gesehen. Es war für uns beide der lebendige
Beweis wie wertvoll ein authentisches Gegenüber sein kann. Meist ist
es nicht nötig, diese eigene Berührtheit zum Thema zu machen, denn
das Gegenüber wird sie unwillkürlich spüren und sich in der
eigenen Verletzlichkeit weniger alleine fühlen.