Samstag, 24. Januar 2026

Regulationsresilienz - eine andere Art von Resilienz

Was versteht man unter Resilienz? Eine mögliche Definition lautet folgendermaßen:

«Resilienz (von lateinisch resilire „abprallen“, „zurückspringen“) bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit. Es ist die Fähigkeit, Krisen, Rückschläge oder traumatische Erlebnisse ohne langfristige Beeinträchtigung zu bewältigen und sogar an ihnen zu wachsen.

Diese Definition lässt meiner Meinung nach den spannendsten Aspekt von Resilienz aus, nämlich WIE Belastungen bewältigt werden. Hier kann man unterschieden zwischen Verarbeiten oder Wegstecken. Im Allgemeinenen geht eine geringe Resilienz oft einher mit einer schwachen Emotionsregulation und gilt als Prädiktor für spätere psychische Probleme (Beeghly et al., 2016). In den meisten Büchern zu Resilienz werden dann Ressourcen aufgelistet, welche zur Resilienz beitragen. Diese können in drei Gruppen gegliedert werden:

(1) Persönliche Ressourcen wie Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung und Selbstwirksamkeit

(2) Soziale Ressourcen wie sichere Bindung, soziale Unterstützung und Zugehörigkeit

(3) Neurophysiologische Ressourcen wie vagaler Tonus (Effektivität des Parasympathikus, zu beruhigen), Toleranzfenster und Neuroplastizität

Das Problem einer solchen Auflistung besteht darin, dass unklar ist, ob diese Faktoren Ursache oder Folge von Resilienz darstellen. Führt Optimismus zu Resilienz oder ist Optimismus eine Folge von Resilienz. Ich vermute letzteres. Oft wird auch betont, dass es sich bei Resilienz nicht um eine statische Eigenschaft handelt, die man besitzt oder nicht, sondern um einen dynamischen Prozess, der gelernt werden kann. Leider bleibt die grosse Frage, wie das denn geschehen soll, in den meisten Büchern zum Thema unbeantwortet. Um hier einen Schritt weiterzukommen, kann eine Unterscheidung von zwei Arten von Resilienz helfen.

Denn je nachdem, was wir unter Resilienz verstehen, unterscheidet sich der Weg dahin grundsätzlich. Es sind zwei Arten von Resilienz denkbar:

a) Resilienz als Wegstecken (ohne aktive Regulation):

  • «Verdrängen / Wegstecken»: Es ist etwas Schwieriges geschehen und findet sich damit ab, fokussiert auf anderes. Im Sinne von «Das Leben muss weitergehen.»
  • «Rekalibrieren / Relativieren»: Man hat eine Diagnose für Diabetes erhalten und muss für den Rest des Lebens seinen Blutzucker messen und Insulin spritzen. Nach einem anfänglichen Schock gewöhnt man sich daran und relativiert die Belastung, nachdem ein Kollege eine bösartige Krebsdiagnose mit schlechter Prognose erhalten hat.
  • «Soziale Unterstützung»: Die positiven Effekte von gefühlter sozialer Unterstützung sind heute klar messbar. Zum Beispiel nimmt die Schmerzemfpindlichkeit mit sozialer Unterstützung ab. Eine Studie (Brown et al., 2003) maß die Zeitdauer, wie lange Testpersonen die Hand in einen Becher Eiswasser halten konnten. Die Gruppe mit sozialer Unterstützung zogen ihre Hand deutlich später aus dem Eiswasser.

Wer diese Art von Resilienz fördern möchte, bemüht sich womöglich, weniger Unangenehmes zu spüren, indem er wegspürt, sich ablenkt, verdrängt, sich unempfindlich macht oder verschliesst. Diese Art der Bewältigung basiert auf Trennung und Abstumpfung und nicht auf einer Verbesserung der Regulationsfähigkeit.

b) Resilienz als aktive Regulationsfähigkeit:

  • Hauptunterschied = Das System verarbeitet die eintreffende Aktivierung, es verdrängt sie nicht nur.
  • Regulative Resilienz beinhaltet funktionierende Emotionsregulation.
  • Funktionierende Emotionsregulation bedeutet nicht, dass Emotionen nicht spürbar sind oder nicht unangenehm sind. Eher das Gegenteil: Wir spüren alles intensiv, halten aber nicht fest an den Emotionen, sondern lassen sie durch den Körper ziehen.
  • Mit anderen Worten: Wenn wir den Emotionen nicht im Wege stehen, regulieren sie sich von alleine.

Wer Resilienz als aktiven Regulationsprozess versteht, wird sich bemühen, seine Wahrnehmung zu schärfen und zu öffnen, besser hinzuspüren, Emotionen nicht zu blockieren, sondern hineinzuatmen und durchziehen zu lassen. So kann die Angst vor Belastungen und intensiven Emotionen abnehmen, beziehungsweise das Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit zunehmen – sprich: man gewinnt an Resilienz.

Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit des Organismus, flexibel und adaptiv auf Belastungen zu reagieren und so ein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Als Kleinkinder besitzen wir alle diese natürliche Offenheit, Anpassungsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit. Erst im Laufe des Lebens lernt unser System, sich zu schützen, indem es sich auf potnezielle Bedrohungen wappnet. Eine Person, die überwältigende Emotionen erlebt hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit flacher atmen, einen höheren Muskeltonus (sprich Anspannung) an den Tag legen als jemand ohne diese Erfahrungen. Das Nervensystem wird eingeschränkter funktionieren, und mit der Zeit wird sich in der Person womöglich ein tieferes Energieniveau etablieren – sozusagen ein chronisches Herunterdimmen der energetischen Intensität.

Damit verkleinert sich die Amplitude der emotionalen Intensität: sowohl positive als auch negative Emotionen werden weniger intensiv wahrgenommen. Und falls Sie sich fragen, ob es möglich ist, nur die negativen Emotionen zu dimmen, lautet die Antwort, leider nicht, da die beiden miteinander zusammenhängen. Vielleicht kennen Sie den Spruch „nur wer Trauer empfinden kann, ist auch fähig, Freude zu empfinden“. Er entspricht dem, was ich hier vermitteln möchte.

Wenn man sich nochmals die beiden Arten von Resilienz vor Augen hält - einerseits die Resilienz des Wegsteckens und auf der anderen Seite die Regulationsresilienz, dann wird der Gegensatz deutlich: die erstere zielt auf eine Minimierung der Intensitäts-Amplitude ab, während die letztere die Amplitude vergrößern möchte.




 

 

 

 


 



Die Abbildung zeigt zwei Personen mit unterschiedlicher (Regulations-)Resilienz: Die grüne Linie entspricht einer Person mit hoher Resilienz, respektive einem großen Toleranzfenster. Diese Person kann Emotionen hoher Intensität wahrnehmen, ohne dass einengende Mechanismen einsetzen. Sie funktioniert auf einem energetisch hohen Niveau und dimmt ihre Lebensenergie wenig ein. Mit anderen Worten: diese Person besitzt eine hohe Vitalität, und verspürt auch intensive positive und negative Emotionen, hat also große Stimmungsschwankungen, nimmt diese aber nicht als bedrohlich, sondern als belebend wahr. Die rote Kurve entspricht einer Person mit einer eingeschränkten Resilienz und kleinem Toleranzfenster, z.B eine traumatisierte Person. Der Behälter (Container), der Emotionen halten kann, ist schnell voll und überläuft: Subjektiv werden dann zwar sehr intensive Emotionen wahrgenommen, aber diese sind überwältigend und überfordern die Regulationsfähigkeit des Systems. Dieses verschliesst sich aus Schutz und macht sozusagen alle Schotten dicht. Im Extremfall bleiben die Schotten dauerhaft verschlossen, was dem Phänomen einer emotionalen Taubheit oder Alexithymie gleichkommt. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Person keine großartige Beziehung zu ihren Emotionen hat – vielmehr fürchtet und vermeidet sie diese wenn immer möglich.

Zusammenfassend lässt sich zur regulativen Resilienz sagen:

  • Je größer die Kapazität, emotionale Intensität wahrzunehmen und zu halten (ich nenne dies auch die Schwingungsfähigkeit), umso größer auch die Herzratenvariabilität (HRV). [Diese bezeichnet die Variation in den Zeitintervallen zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen und gilt als Indikator für autonome Flexibilität]

  • Je größer die Amplitude der Resilienz, umso dynamischer und adaptiver kann das Herz reagieren – und zwischen sympathischer und parasympathischer Aktivierung hin- und herschalten – und umso besser die Schwingungsfähigkeit und Resilienz. Mit anderen Worten: Resilienz bedeutet flexible Anpassungsfähigkeit.

  • Die Forschung hat gezeigt, dass ein potenter vagaler Tonus, gemessen anhand der respiratorischen Sinusarrhythmie (RSA), einer guten Regenerationsfähigkeit und Resilienz entspricht. Je höher die RSA-Basiswerte, umso höher die Verhaltensflexibilität und Emotions- und Aufmerksamkeitsregulation (Beauchaine & Thayer, 2015).

  • Umgekehrt konnte in einer Vielzahl von Studien bestätigt werden, dass eine verminderte Herzratenvariabilität, sprich Rigidität des ANS, mit psychischen Erkrankungen, erhöhten Entzündungswerten und Depression korrelierte (Beauchaine & Thayer, 2015; Adams et al., 2023; Ding et al., 2024).

Abschliessend möchte ich festhalten, dass beide Formen von Resilienz wertvoll sind und einander ergänzen können. In gewissen Momenten mag es besser sein, zu verdrängen und sich zu schützen, um sich dann später in Ruhe einer Verarbeitung zu widmen. Letzten Endes muss jede Person selbst entscheiden, wie sie mit Belastungen und Emotionen umgeht. Wer einmal gute Erfahrungen mit dem einen oder anderen Ansatz gemacht hat, mag auch dabei bleiben wollen, und das ist auch gut so. Meiner Absicht mit diesem Beitrag (und meinem Buch) ist es, für Neugierige einen alternativen Weg im Umgang mit Emotionen und Stress aufzuzeigen. Wie genau die einzelnen Schritte auf dem Weg zu mehr Resilienz, Regulationsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit aussehen, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt beschreiben.

Literaturangaben:

Adam, J., Rupprecht, S., Künstler, E. C. S., & Hoyer, D. (2023). Heart rate variability as a marker and predictor of inflammation, nosocomial infection, and sepsis - A systematic review. Autonomic neuroscience: basic & clinical, 249, 103116.

Beauchaine, T. P. & Thayer, J. F. (2015). Heart Rate Variability as a Transdiagnostic Biomarker of Psychopathology. International Journal of Psychophysiology: Official Journal of the International Organization of Psychophysiology 98(2.2), 338–350.

Beeghly, M., Perry, B. D. & Tronick, E. (2016). Self-regulatory processes in early development. In S. Maltzman (Hrsg.), The Oxford handbook of treatment processes and outcomes in psychology: A multidisciplinary, biopsychosocial approach (S. 42-54). Oxford: Oxford University Press.

Brown, J. L., Sheffield, D., Leary, M. R., & Robinson, M. E. (2003). Social support and experimental pain. Psychosomatic medicine, 65(2), 276–283.

Ding, J., Wu, Y., Wang, B., & Sun, Z. (2024). The relationship between depression severity and heart rate variability in children and adolescents: A meta-analysis. Journal of psychosomatic research, 182, 111804.

Freitag, 5. Dezember 2025

Significance and benefits of the polyvagal theory in practice


The PVT helps with understanding of the relationship between Psychology and physiolog

  • The parasympathetic soothing system (the ventral vagal system, in Porges’ terms) responds to perceived safety and friendly, attuned social contact, and explains the health benefits of social relationships (Porges, 2022Porges, 2023).
  • The development of a resilient calming system primarily depends on attuned attachment experiences and successful co-regulation in the first years of life (Dana & Porges, 2021; Porges, 2021).
  • The well-established link between reduced heart rate variability (HRV) and psychological /somatic illnesses (Adam et al., 2023; Ding et al., 2024) is related to an underdevelopment of this system and underscores why polyvagal-informed treatment approaches—such as Somatic Experiencing or Sensorimotor Psychotherapy—are suitable therapeutic modalities for developing autonomic regulation.

For Psychiatrists, psychotherapists and other practitioners

  • Easy-to-understand model: The Polyvagal theory provides a helpful framework for self-observation and self-regulation, which can be used to identify phenomena such as mobilization, relaxation, or immobilization.
  • Guidance for practitioners: The polyvagal approach provides guidance, as the precise observation of autonomous bodily processes allows conclusions to be drawn about both the patient's physiological state and the practitioner's own. This enables an informed choice of interventions, both in the moment and over the long term.
  • Quality assurance of treatment: A polyvagal-informed treatment approach, where exploration focuses on autonomic physiological reactions and what is said, captures the patient's experience better than a purely cognitive-verbal approach.
  • Orientation creates safety: Targeted training of neuroception (the unconscious perception of threat and safety) opens up opportunities to align a person’s behavior more on their well-being.
  • Self-regulation through targeted activation of the vagus nerve:  Polyvagal theory has significantly helped raising awareness of positive effects of the vagus nerve. The theory embodies a fertile ground for the development of new regulation techniques related to vagus nerve stimulation.
  • Explanation for the efficacy of therapeutic interventions: Polyvagal theory explains many common practices in psychotherapy and body therapy, such as specific aspects that can establish safety in a relationship or what the benefits of small talk or grounding might be.

For people struggling with mental health

  • Coherent framework model for autonomic responses: Most psychiatric patients are looking for healthier ways to deal with overwhelming autonomic physiological responses or emotional states. The Polyvagal theory offers a coherent framework model that links autonomic physiological processes with emotional and social ones.
  • Practice-oriented approach to psychiatric suffering: Through the polyvagal lense, phenomena can be observed, understood, classified, and influenced, and suddenly make sense. Concepts such as “perceived safety” or “threat” become tangible and can be placed in a directly perceptible context with physical reactions like “numbness” or “tingling” or linked to behavioral impulses such as “I want to run away.”
  • Good starting point for self-regulation and self-efficacy: A polyvagal-informed observation of autonomic microphenomena serves as an innate instrument that not only measures the subjective effectiveness of one's own behavioral interventions, but also provides orientation in a world that can become overwhelming. The more accurately patients perceive these micro-processes within themselves, the sooner they can influence and regulate their own state.
  • Strengthening self-efficacy and autonomy: The polyvagal model offers patients a self-evaluative tool for measuring the influence of their behavior on their organism. This allows the formation new neural pathways and healthier habits that are directly related to subjective experience.
  • Framework model for self-exploration: The polyvagal approach provides a model for understanding self-exploration, which can be used to improve the connection to the body.
  • Polyvagal-informed exercises for everyone: The theory can serve as a basis for developing a better sense of orientation, body connection, and self-regulation. Exercises for internal or external perception or Vagus nerve stimulation can be practiced autonomously.

For parents:

  • The polyvagal theory can help parents better understand their children's behavior and respond appropriately.
  • Parents learn that emotional outbursts such as tantrums or crying are calls for help with co-regulation and should not lead to the child's isolation.
  • Emotional outbursts in children (and adults) are not manipulative performances, but an expression of being overwhelmed by emotion regulation.
  • The parents' task in such moments is to modulate the child's nervous system through their calm, attuned, physical presence and to send signals of acceptance, connection, and safety.
  • The theory enables parents to reflect on and adjust their own reactions to their children's states.

Acknowledgement

  • Although the anatomical hypotheses of the theory could not be scientifically confirmed (Menuet, 2025; Grossman, 2024), it must be acknowledged that many important recent advances in trauma therapy would not have been possible without Stephen Porges' interdisciplinary contribution.
  • Porges is one of the few researchers who has dared to formulate a comprehensive theory of stress and trauma that takes subjective and objective aspects into account and links them to neurobiology and anatomy.
  • It is not surprising that most of today’s leading trauma therapists appreciate the polyvagal theory as a valuable, practical conceptual framework that is enthusiastically received by patients.

Disclaimer:
This article has been written without the help of any artificial intelligence!
Also note the German version.  

Stellenwert und Nutzen der Polyvagaltheorie in der Anwendung

Für das Verständnis psychophysiologischer Zusammenhänge

  • Das parasympathische Beruhigungssystem (bei Porges das ventral-vagale System) reagiert auf gefühlte Sicherheit und freundlich zugewandten Sozialkontakt und erklärt Gesundheitseffekte sozialer Beziehungen (Porges, 2022Porges, 2023).
  • Die Entwicklung eines widerstandsfähigen Beruhigungssystems ist in erster Linie abhängig von eingestimmten Bindungserfahrungen und gelungener Co-Regulation in den ersten Lebensjahren (Dana & Porges, 2021; Porges, 2021).
  • Der vielfach erwiesene Zusammenhang zwischen einer verminderten Herzratenvariabilität und psychischen / somatischen Krankheiten (Adam et al., 2023; Ding et al., 2024) hängt mit einer Minderentwicklung dieses Systems zusammen und unterstreicht, weshalb polyvagal-informierte Behandlungsansätze - wie Somatic Experiencing oder Sensorimotor Psychotherapy - geeignete Therapieformen sind, um autonome Regulation zu entwickeln.

Für Ärztinnen, Therapeutinnen und Behandlerinnen

  • Griffiges Verständnismodell: Die Polyvagaltheorie stellt ein hilfreiches Rahmenmodell für Selbstbeobachtung und Selbstregulation dar, anhand dessen Phänomene der Mobilisierung, Entspannung oder Immobilisierung identifiziert werden können.   
  • Orientierung für Behandlerinnen: Der polyvagale Ansatz liefert Orientierung, denn die präzise Beobachtung autonomer Körperprozesse erlaubt sowohl Rückschlüsse auf den physiologischen Zustand der Patientin als auch auf den eigenen. Dies ermöglicht eine informierte Wahl der Interventionen, im Moment und im Langzeitverlauf.
  • Qualitätssicherung der Behandlung: Ein polyvagal-informierter Behandlungsansatz, bei dem sich die Exploration in gleichem Masse auf autonome physiologische Reaktionen ausrichtet wie auf das gesprochene Wort, ist oft näher am Erleben der Patientin dran als ein rein kognitiv-verbaler Ansatz.
  • Orientierung schafft Sicherheit: Gezieltes Training der Neurozeption (Wahrnehmung von Bedrohung und Sicherheit) eröffnet Möglichkeiten, das Verhalten mehr auf das eigene Wohlbefinden auszurichten.
  • Selbstregulation durch gezielte Aktivierung des Vagusnervs:  Die Polyvagaltheorie hat maßgeblich dazu beigetragen, den Vagusnerv und seine Auswirkungen auf das Wohlbefinden bekannt zu machen. Die Theorie verkörpert einen fruchtbaren Nährboden für die Entwicklung neuer Regulationstechniken im Zusammenhang mit Vagusstimulation.
  • Erklärung für Wirksamkeit therapeutischer Interventionen: Die Polyvagaltheorie erklärt viele gängige Praktiken in Psychotherapien und Körpertherapien, beispielsweise, welche konkreten Aspekte dazu beitragen, Sicherheit in einer Beziehung herzustellen oder wofür Small-Talk oder Grounding nützlich sein können.

Für psychisch Leidende und SelbstanwenderInnen

  • Schlüssiges Rahmenmodell für autonome Reaktionen: Die meisten psychiatrischen Patienten sind auf der Suche nach einem gesünderen Umgang mit überwältigenden autonomen, physiologischen Reaktionen oder emotionalen Zuständen. Die Polyvagaltheorie bietet ein schlüssiges Rahmenmodell, welches autonome physiologische Prozesse mit emotionalen und sozialen verbindet.
  • Praxisorientierter Ansatz für psychiatrisches Leiden: Durch die polyvagale Linse können Phänomene beobachtet, verstanden, eingeordnet und beeinflusst werden und ergeben plötzlich „Sinn“.  Konzepte wie "gefühlte Sicherheit" oder “Bedrohung” werden greifbar und können in einen direkt wahrnehmbaren Zusammenhang zu körperlichen Reaktionen wie “Taubheit” oder “Kribbeln” gesetzt werden oder mit Handlungsimpulsen wie “ich möchte wegrennen“ verknüpft werden.
  • Ansatzpunkt für Selbstregulation und Selbstwirksamkeit: Die polyvagal-informierte Beobachtung von autonomen Mikrophänomenen bildet ein körpereigenes Instrument, das nicht nur die subjektive Wirksamkeit eigener Verhaltensinterventionen misst, sondern darüber hinaus auch Orientierung in einer oft so überwältigenden Welt bietet. Je treffsicherer Patientinnen diese Mikroprozesse bei sich wahrnehmen, umso eher können sie ihren eigenen Zustand beeinflussen und regulieren.
  • Stärkung der Selbstwirksamkeit und Autonomie: Das polyvagale Modell bietet Patienten ein selbstevaluatives Instrument, den Einfluss ihres Verhaltens auf ihren Organismus zu messen. Auf diese Weise können neue neuronale Verbindungen und gesündere Gewohnheiten entstehen, welche in direktem Zusammenhang zum subjektiven Erleben stehen.
  • Rahmenmodell für Selbstexploration: Der polyvagale Ansatz liefert ein Verständnismodell für Selbstexploration, anhand derer die Verbindung zum Körper verbessert werden kann.
  • Polyvagal-informierte Übungen für Selbstanwender:  Die Theorie dient als Basis zur Entwicklung von mehr Orientierung, Verbindung zum Körper und Selbstregulation. Übungen zur Innen- oder Außewahrnehmung oder zur Vagusnervstimulation können selbständig durchgeführt werden.

Für Eltern

  • Die Polyvagaltheorie kann Eltern helfen, das Verhalten ihrer Kinder besser zu verstehen, einzuordnen und adäquat darauf zu reagieren.
  • Eltern lernen, dass emotionale Ausbrüche wie Toben oder Weinen Hilferufe nach Co-Regulation darstellen und nicht zur Isolation des Kindes führen sollten.
  • Emotionale Ausbrüche von Kindern (und Erwachsenen) sind keine manipulativen Inszenierungen, sondern ein Ausdruck der Überforderung mit der Emotionsregulation.
  • Die Aufgabe der Eltern besteht darin, in solchen Momenten durch ruhige, eingestimmte, körperliche Präsenz das Nervensystem des Kindes zu modulieren und Signale der Akzeptanz, Verbundenheit und Sicherheit auszusenden.
  • Die Theorie ermöglicht es Eltern, ihre eigenen Reaktionen auf kindliche Zustände zu reflektieren und anzupassen.

 Würdigung

  • Obwohl die anatomischen Hypothesen der Theorie nicht bestätigt werden konnten (Menuet, 2025; Grossman, 2024), muss anerkannt werden, dass viele wichtige neuere Fortschritte in der Traumatherapie ohne den interdisziplinären Beitrag von Stephen Porges nicht denkbar gewesen wären.
  • Porges hat sich als einer der wenigen Forschern gewagt, eine umfassende Theorie zu Stress und Trauma zu formulieren, welche subjektive und objektive Aspekte berücksichtigt und mit der neurobiologischen und anatomischen Ebene verknüpft. Letzterer Punkt
  • Es erstaunt nicht, dass die meisten führenden Traumatherapeutinnen die Polyvagaltheorie als einen wertvollen praxisnahen Theorierahmen wertschätzen, der bei Patienten enthusiastisch aufgenommen wird.
Hinweis:
Dieser Artikel wurde nicht mit Künstlicher Intelligenz verfasst!
Bitte auch englische Version beachten! 

Samstag, 13. Juli 2024

Neurofeedback – ein Selbstversuch

 

Seitdem ich Bessel van der Kolks Traumaklassiker «The body keeps the score» (deutsch «Verkörperter Schrecken») gelesen habe, war ich fasziniert von der Idee des Neurofeedback. Eine Methode, bei der sich das Gehirn selbst reguliert und neue Verknüpfungen schafft, ganz non-invasiv – das schien mir besonders elegant. Neuronen unseres Gehirns kommunizieren mittels chemischer und elektrischer Prozesse miteinander. Jegliche Psychopharmaka nutzen den chemischen Weg, das Gehirn zu beeinflussen und Symptome zu lindern. Interessanterweise wird der elektrische Kommunikationsweg des Gehirns noch vergleichsweise selten genutzt, um dieses zu beeinflussen, Symptome zu minimieren oder eben die Funktionsweise von Grund auf zu verändern und neu zu trainieren. Und genau das macht Neurofeedback. Die non-invasive Funktionsweise des Neurofeedback erinnerte mich auch an die Methode des EMDR (eye movement desensitization and reprocessing), welches ich seit Jahren mit ungetrübter Begeisterung mit vielen PatientInnen anwende. Das Prinzip, dem Gehirn ein Startsignal zu geben (anhand der bilateralen Stimulation) und es dann seinen eigenen Weg finden zu lassen, um traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, gefiel mir schon damals und entsprach auch meiner Vorliebe für Autonomie und Selbstbestimmung, die ich auch gerne meinen PatientInnen gewähre. Wie auch immer. Mehr zu EMDR in meinem Blogbeitrag darüber.

Irgendwann fasste ich den Beschluss zu einem Selbstversuch. Doch wie ich aus den zwei Fachbüchern ("Neurofeedback", "Neurofeedback in the treatment of developmental trauma")  erfahren hatte, die ich zur Vorbereitung zum Thema gelesen hatte, ist Neurofeedback zwar in der Sitzung selbst entspannt und verlangt keinerlei Anstrengung oder Disziplin. Dafür braucht es Einiges an Durchhaltevermögen und Konsistenz, die wöchentlichen Sitzungen mindestens während mehreren Monaten wahrzunehmen. In meinem Fall waren es schliesslich um die neun Monate.
Der erste Termin bestand daraus, ein qEEG meines Gehirns anzufertigen, um zuerst zu verstehen, wie mein Gehirn überhaupt tickt. qEEG bedeutet übrigens «qualitatives EEG» (Elektro Enzephalogramm). Dabei musste ich mir eine Kappe mit 19 Sensoren anziehen, welche meine Hirnaktivität in drei verschiedenen Zuständen mass: a) Ruhezustand mit offenen Augen, b) Ruhezustand mit geschlossenen Augen, c) während einer einfachen Reaktionsaufgabe. 

Die Aufgabe bestand darin, so schnell wie möglich mit einer Maus zu klicken, wenn man zwei Bilder eines Tieres nacheinander gesehen hatte (nicht aber bei zwei aufeinanderfolgenden Bildern von Pflanzen), oder ähnlich. In einer weiteren Sitzung wurden die Messwerte dieses qEEGs dann besprochen, und verglichen mit einer Liste von Symptomen, die ich ebenfalls ausfüllen musste. Ich war beeindruckt, wie viele Informationen die Neurofeedback Spezialistin aus den Daten herauslesen konnte. Manche Dinge liessen jedoch auch unterschiedliche Interpretationen zu. Beispielsweise wurden bei mir mehr Thetawellen und wenig schnelle Betawellen im Frontallappen gemessen. Laut Spezialistin entspreche dies einem Stand-By-Modus, und spreche für eine leichte Unteraktivierung des Frontalbereichs. Es könne ein Zeichen für Aufmerksamkeitsprobleme sein. Eine alternative Interpretation könnte jedoch auch sein, dass die Aufgabe langweilig gewesen sei (was der Fall war), dass mein Filter nicht so gut funktioniere oder dass ich mich allenfalls abgelenkt gefühlt haben könnte. Dies nur zur Illustration. Die Thetawellen fanden sich ebenfalls frontal midline (mittig), was offenbar darauf hinweise, dass mein Gehirn mit sich selbst im Dialog sei und auf eine hohe Selbstreflektionsaktivität hinweise. Die Aktivierung meines zingulären Systems hingegen bedeute oft oppositionelle Energie, hmm…  Das limbische System sähe eher gefühlsabwehrend aus, als jemand, der seine Sache gut machen wolle, könnte auch mit zwanghaften Verhaltensweisen vereinbar sein. Und schliesslich zeigten sich temporal vor der Amygdala recht hohe Deltawellen, was auf emotionale Dissoziation oder auch Tinnitus hindeuten könne. Um Sie nicht weiter mit diesen Details zu langweilen. Mein Punkt ist: Diese Interpretationen trafen alle zu: leicht abgelenkt, teils gefühlsabwehrend, leicht zwanghaft und ich habe einen Tinnitus!

Wir einigten uns, dass wir zunächst auf den Frontalbereich fokussieren würden mit dem Ziel, diesem beizubringen, sich mit weniger Energieaufwand zu aktivieren und online zu bleiben. Denn die Auswertung der Aufgabe hatte ergeben, dass mein Gehirn die Aufgabe zwar schnell und fehlerlos bewältigt hatte, jedoch mit einem enormen Aufwand an Energie.

Bevor ich zu meiner Erfahrung während und nach den Sitzungen komme, möchte ich kurz auf das grundlegende Funktionsprinzip von Neurofeedback erklären: Die Kappe, welche man sich dafür anziehen muss, enthält eine Anzahl von Elektroden, welche die elektrische Hirnaktivität messen (keine Angst, es fliesst kein Strom ins Gehirn) und an einen Computer weiterleiten. Dort kann bestimmt werden, bei welcher Aktivität ein Film oder ein Spiel laufen soll und bei welcher Aktivität der Film stocken soll. Der Level soll so gewählt werden, dass das Gehirn etwas arbeiten muss, jedoch auch zum Ziel gelangen kann, nämlich den Film einigermassen flüssig anzuschauen. Diese Art der Anordnung nennt sich Frequenzbandtraining und ist eine der ursprünglichsten Behandlungsprotokollen. Sie verlangt vom Probanden keinerlei Anstrengung. Im Gegenteil: Ich hätte nicht gewusst, wie ich es anstellen sollte, um meine frontalen Thetawellen (4-7Hz) zu heben und gleichzeitig meine tiefen Betawellen etwas zu heben (keine Ahnung, ob das Sinn macht). Mit anderen Worten: Man schaut den Film und versucht zu entspannen. Dann klappt es meist besser und das Gehirn macht, was notwendig ist, dass der Film rund abläuft. Die Sitzungen fühlen sich also nicht nach Arbeit oder Anstrengung an, obwohl das Gehirn auf Hochtouren arbeitet.  Mittlerweile existieren eine kaum zu überblickende Vielzahl von unterschiedlichen Behandlungsprotokollen von einer grossen Anzahl an Softwareherstellern: Othmer Methode, Alpha-Gamma Synchronic Training, Alpha-Theta-Training, ILF Training (infra low frequencies), SCP Training (slow cortical potentials), biploares Training, Kohärenztraining, Z-Wert-basiertes Training, LENS (Low Energy Neurofeedback System von Len Ochs), LORETA-Neurofeedback (Low Resolution Electromagnetic Tomography), ZENGAR, Neuroptimal (dynamisches, non-lineares NFB, von Susan Brown) und viele mehr.


Neurofeedback soll besonders hilfreich sein bei ADHS, Steigerung der Konzentrations- und Lernfähigkeit, aber auch bei Autismus, Angst oder Trauma sehr hilfreich, indem es Prozesse der Selbstregulation neu organisiert und von Grund auf verbessert. Dies war denn auch meine Hauptmotivation auf dem Hintergrund des van der Kolk Buches: Denn wer möchte sich schon zufrieden geben mit einer reinen Symptombehandlung, wie wir es seit 50+ Jahren mit Psychopharmaka betreiben? Es ist klar, dass die beste Behandlung von psychiatrischem Leiden in Zukunft an der Quelle ansetzen muss, und nicht an den Symptomen. So betrachtet wird Neurofeedback als eine Methode für einen potentiellen Paradigmenwechsel gefeiert und als Bindeglied zwischen Neurowissenschaften und Phänomenologie betrachtet. Dabei wird jedoch kritisiert, dass die Effekte teils nicht nachhaltig sind, und wieder verloren gehen nach einer Weile. Zudem ist die Behandlung wie gesagt recht zeitintensiv und es gibt keine schnellen Resultate. Man muss sich schon ein bis zwei Monate ohne grössere Veränderungen gedulden können, bis sich erste Anzeichen bemerkbar machen.

Meine Erfahrung mit dem Training

Die erste Sitzung verlief in meinem Fall etwas holprig: Es schien ein technisches Problem vorzuliegen.  Der Film schien nicht recht zu reagieren, was mich in dem Moment nervte und dazu führte, dass ich mich beklagte am Ende der Sitzung. Wie soll ich oder mein Gehirn denn diese Aufgabe bewältigen und etwas lernen, wenn die Software schon gar nicht funktioniert? Berechtigte Frage, jedoch wurde im Nachhinein auch deutlich, dass der Ärger auch ein Ausdruck meines offenbar trägen Gehirns war: Es wollte seine Art der Aufmerksamkeitsregelung offenbar nicht verändern. Die nächsten Wochen mit Trainings verliefen besser, jedoch ohne grosse Veränderungen. Nach einigen Wochen schien sich ein Trend zu zeigen, und zwar ein negativer: Ich fühlte mich öfters genervt, reagierte impulsiver, war weniger gut organisiert und hatte weniger Geduld mit Kleinigkeiten. Wir interpretierten die Reaktionen als Startschwierigkeiten und beschlossen, mit dem Training in dieselbe Richtung fortzufahren. Während die frontale Aktivierung jeweils sehr gut und schnell klappte, zeigte sich bei der Beruhigung der frontalen Aktivitäten mehr Gegenwind. In den folgenden Wochen verstärkten sich die negativen Effekte, und als diese auch nach einem weiteren Anpassungsversuch keine Verbesserungen zeigten, stand fest, dass sich mein Gehirn offenbar heftigst gegen den Eingriff in die Funktionsweise meines Frontallappens wehrte. Wir änderten den Kurs und da ich so oder so unbedingt das Alpha-Theta Training ausprobieren wollte, einigten wir uns darauf. Soweit ich informiert war durch Sebern Fishers Buch «Neurofeedback in the treatment of developmental trauma» sollte Alpha-Theta Training einen Trance-ähnlichen Zustand hervorrufen. Das Training, welches im Vergleich zum bisher praktizierten liegend, mit geschlossenen Augen und mit rein auditorischem Feedback praktiziert wird, sei ein sogenanntes «Deep-state Training», wobei man in eine Art regressiven Zustand versetzt werde, in dem oft vergessene traumatische Erinnerungen hochkommen würden. Ich war schon gespannt, was denn da alles noch ans Licht kommen würde, und war dann überrascht, dass so gar nichts kam. Anstattdessen entpuppte sich das Alpha-Theta Training als ein Schnellzug in die Tiefenentspannung, und zwar derart tief, dass man fast schon von einem dorsal-vagalen Lähmungszustand sprechen könnte (ohne Angst). Wer diesen nicht kennt, kann sich gerne in meinem Blogpost über die Polyvagaltheorie dazu informieren. Die Immobilisierung war so stark, dass mir anfangs regelmässig die Hände «einschliefen», was anfangs etwas unangenehm war. Jedoch war der Entspannungszustand derart erholend und erfrischend, dass es sich trotzdem gelohnt hatte. In den folgenden Wochen verschwanden die Genervtheit, die Impulsivität und die restlichen negativen Symptome gänzlich zugunsten einer verbesserten Ausgeglichenheit, inneren Ruhe und Harmonie, welche nicht nur ich, sondern auch mein Umfeld wahrnehmen konnten. Erstaunlich, welchen Effekt diese 20 Minuten Tiefenentspannung pro Woche auf die gesamte Woche hatten! Mein Gehirn und ich waren glücklich, denn diese Art des Trainings entsprachen mir voll und ganz, und es war keine neuronale Rebellion mehr nötig! Mit fortschreitender Zeit begann ich mich zu fragen, ob sich die Effekte noch weiter verbessern würden oder ob es dabeibleiben würde. Nach Rücksprache mit der Spezialistin entschieden wir, noch bis zur 30. Stunde fortzufahren, um die Effekte zu sichern und damit für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen.

Heute, zirka zehn Monate später, fällt es mir schwer, zu sagen, inwiefern die Effekte angehalten haben oder noch anhalten. Insgesamt war es jedoch eine sehr bereichernde Erfahrung. Ich habe heute andere Wege gefunden, meinem Körper «das Geschenk der Entspannung zu geben» (ein Lieblingsausspruch von Peter Levine) und die Erfahrung der Tiefenentspannung durch das Alpha-Theta Training hat sicherlich auch dazu beigetragen, auch den angstfreien, dorsal-vagalen Zustand schätzen zu lernen, im Vergleich zum ventral-vagalen Zustand.

Ich kann Neurofeedback allen Interessierten empfehlen. 

Empfehlenswerte Adressen im Raum Zürich / Winterthur: