Sonntag, 28. Juni 2026

Geometrie der Psyche: Ein Koordinatensystem für Persönlichkeit, Verletzlichkeit und echte Begegnung

Die Idee für dieses Modell kam mir neulich an einem Sonntagmorgen im Dämmerzustand – und ich möchte sie hier kurz skizzieren. Es ist keine ausgereifte, wissenschaftliche Theorie, sondern ein Gedankenspiel, das ich im Moment spannend genug finde, um es in diesem Blogbeitrag zu teilen.

Kommen wir gleich zum Kern: Persönlichkeit ist letztlich nichts anderes als chronifizierte Überlebensstrategien, mit denen wir uns im Laufe des Lebens identifiziert haben. Im Buddhismus gilt das Ego als ein Zustand des Festhaltens, der Rigidität und als Einschränkung der natürlichen Flexibilität. Ganz ähnlich sieht es die westliche Psychiatrie: Rigidität wird hier fast immer mit Pathologie assoziiert. Persönlichkeitszüge oder Verhaltensmuster gelten meist erst dann als problematisch oder pathologisch, wenn sie starr, alternativlos und unreflektiert ablaufen.

Beispielsweise reagiert jemand mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung (wie z.B. Trump) auf Kritik fast immer nach demselben Muster: Abwehr, Leugnung, Abwertung des Gegenübers und ein umso brutalerer Gegenangriff. Warum? Weil die darunterliegende Verletzlichkeit – das schmerzhafte Gefühl, nicht gemocht oder gar verlassen zu werden – komplett abgespalten und verdrängt ist. Es wäre schlicht zu bedrohlich, dieses Gefühl zuzulassen. Das bringt uns zur ersten Achse unseres Koordinatensystems.

1. Achse: Kontakt zur eigenen Verletzlichkeit versus Abspaltung

Die Frage hier lautet: Wie sehr bin ich mit meiner eigenen Verletzlichkeit verbunden?

Die Psychologie nutzt dafür je nach Schule unterschiedliche Begriffe: Carl Gustav Jung sprach vom Schatten, Fritz Perls von abgespaltenen Polaritäten, Sigmund Freud von Verdrängung. Traumatherapeuten wie Pierre Janet oder Bessel van der Kolk betonen die Schutzfunktion der Dissoziation, während Körpertherapie-Pioniere wie Wilhelm Reich und Peter Levine auf die energetischen und regulativen Einbussen im Nervensystem hinweisen.

Die Gemeinsamkeit all dieser Konzepte liegt in der Überzeugung, dass Abspaltung oder Dissoziation unser System in seiner Lebenskraft schwächt. Erst wenn auch unsere Schattenseiten integriert und akzeptiert sind, können wir voll und lebendig im Leben stehen. Oder um es mit einem Paradox auf den Punkt zu bringen: Erst wenn wir uns erlauben, uns verletzlich und schwach zu fühlen, werden wir wahrhaftig stark.

Betrachten wir nun die Dimension, die dieses System vervollständigt.

2. Achse: Fokus auf die eigene Person versus Fokus auf andere

Hier geht es um die Aufmerksamkeit: Wie sehr bin ich um mich selbst zentriert und wie sehr beim Gegenüber?

Auf der einen Seite steht der extreme Selbstfokus. Das kann bedeuten, die eigenen Bedürfnisse rücksichtslos über die anderer zu stellen (klassischer Narzissmus). Es kann aber auch sein, dass das eigene Innere so laut nach Aufmerksamkeit «schreit», dass schlicht kein Raum bleibt, um sich jemand anderem zuzuwenden. Letzteres erleben wir oft bei Menschen mit einer Borderline-Dynamik. Je stärker diese Dimension des ausschliesslichen Selbstfokus ausgeprägt ist, umso schwieriger wird es, nährende Beziehungen zu führen. Denn jede gesunde Beziehung lebt von der Gegenseitigkeit: dem Wechselspiel aus Geben und Nehmen, Zuhören und Erzählen.

Das andere Extrem – der komplette Fokus auf das Gegenüber – ist jedoch genauso problematisch, wenn auch subtiler. Menschen mit dieser Ausprägung fallen weniger auf. Sie halten sich mit ihren Bedürfnissen zurück, meiden das Rampenlicht und sind oft so sehr mit der Haltung «Ich bin mit wenig zufrieden» identifiziert, dass sie den eigenen Mangel gar nicht mehr wahrnehmen. Sie haben sich vielleicht innerlich schon halbwegs damit abgefunden, immer als Letzte dranzukommen oder leer auszugehen. Sie reden sich ein, dass die Zufriedenheit des anderen sie glücklich macht und sie nicht mehr brauchen. Natürlich gibt es hochsensible Menschen, die die Freude anderer tief mitempfinden können. Dennoch behaupte ich: Es ist neurobiologisch und psychologisch ein riesiger Unterschied, ob ich meine eigenen Bedürfnisse erfülle oder lediglich jemand anderem dabei zusehe.

Diese permanente Ausrichtung nach aussen geschieht natürlich nie grundlos. Oft war sie in der Kindheit überlebenswichtig:

  • Szenario A: Der Vater hatte ein Alkoholproblem, und man wusste nie, in welcher Stimmung er nach Hause kommt. Also war es überlebenswichtig, den inneren Radar permanent nach aussen zu richten, um die Stimmung im Raum frühzeitig zu lesen und regulierend einzugreifen. Erst wenn die Situation im Aussen «sicher» war, gab es überhaupt eine Chance auf Zuwendung.

  • Szenario B: Ein autistisches Kind macht immer wieder die Erfahrung, dass sein ungefiltertes, authentisches Verhalten auf Ablehnung stösst. Auf diese Weise wird «Sichtbar-Sein» mit Schmerz und unangenehmen Erfahrungen verknüpft. Die logische Folge: Das Kind tut alles, um unsichtbar zu werden, passt sich extrem an und greift zum sogenannten Masking, um schlicht nicht mehr aufzufallen.

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Schauen wir uns die verschiedenen Quadranten an, die sich ergeben

1. Quadrant (rechts oben): Fokus auf eigene Person und in Kontakt mit Verletzlichkeit 

→ negativer Narzissmus: Mit eigener Verletzlichkeit und Bedürftigkeit im Zentrum stehen 

→ Was fehlt? Fokus aufs Gegenüber, Zuhören, Empathie für das Gegenüber, Erfahrung, auch gesehen
      zu werden ohne Drama und Bedürftigkeit

Identifikationen:

  • «Die Welt ist ungerecht – ich bekomme immer zu wenig»

  • «Ich bin schwach und brauche viel Aufmerksamkeit und Unterstützung»

  • «Ich bekomme nur Aufmerksamkeit, wenn es mir nicht gut geht»

2. Quadrant (links oben): Fokus auf eigene Person und abgespalten von der Verletzlichkeit 

→ Narzisst / Borderline

→ Was fehlt? Selbstkontakt, Eigene Bedürftigkeit / Verletzlichkeit zu spüren, 
      Raum und Interesse für das Gegenüber, Selbstreflektion

Identifikationen:

  • «Wenn ich ganz viel bekomme, schmerzt vielleicht die innere Leere weniger»
  • «Ich bin etwas Besonderes und verdiene alle Aufmerksamkeit» (Narzissmus)

  • «Wenn ich ganz viel habe und leiste, werde ich vielleicht geliebt und spüre den Mangel in mir nicht mehr»


3. Quadrant (unten links): Fokus auf Gegenüber und abgespalten von der Verletzlichkeit 

→ Selbstentfremdung, Dissoziation, überangepasster «Roboter»

→ Was fehlt? Selbstkontakt, Selbstakzeptanz, Erfahrung, in einer Beziehung zu sein und so sein zu
      können wie man ist, Authentizität fehlt, Grenzen, eigene Identität

Identifikationen:

  • «Ich bin nicht richtig, so wie ich bin»

  • «Meine Bedürfnisse überfordern andere»

  • «Spüren ist gefährlich oder überfordernd»

  • «Aufmerksamkeit anderer ist bedrohlich»

4. Quadrant (unten rechts): Fokus auf Gegenüber und in Kontakt mit Verletzlichkeit 

→ Selbstunsicher, überangepasst, teils passiv-aggressiv, Helfersyndrom

→ Was fehlt? Selbstvertrauen, Selbstkontakt, Selbstakzeptanz, Grenzen, Erfahrung, sich selbst sein zu
      dürfen in einer Beziehung (insbesondere autonom und stark sein zu dürfen)

Identifikationen:

  • «Meine Bedürfnisse sind nicht so wichtig»

  • «Ich bin mit wenig zufrieden»

  • «Wenn ich die Bedürfnisse des Gegenübers befriedige, erhalte ich vielleicht 
    irgendwann einmal etwas Nährendes für mich»

  • «Ich bin nur liebenswert, wenn ich mehr gebe als nehme»

  • «Ich bin nicht gut genug»

Wozu das Modell dienen kann

Dieses Koordinatensystem kann Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten als intuitive Orientierungshilfe in der Praxis dienen. Mithilfe der zwei Achsen lassen sich Klienten grob in einem der vier Quadranten verorten. Auf einen Blick wird deutlich, welche Polaritäten im System noch fehlen oder abgespalten sind, um den Weg in Richtung Ganzheit und Authentizität einzuschlagen.

Der gesunde Zielzustand: Wo liegt die Balance?

Was also ist das Ziel, und wo im Modell findet sich ein gesund, authentisch lebender Mensch wieder?

Auf der ersten Achse ganz klar auf der Seite des Kontakts zur eigenen Verletzlichkeit. Auf der horizontalen Achse («Fokus auf sich» versus «auf andere») bewegt sich dieser Mensch hingegen flexibel. Er ist idealerweise sowohl mit sich selbst als auch mit dem Gegenüber tief verbunden. Und sollte diese Balance einmal verloren gehen, besitzt er die regulatorische Flexibilität, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Diese Fähigkeit, gleichzeitig die inneren Signale des eigenen Körpers und die Signale des Gegenübers wahrzunehmen, nennen wir in der Therapie Dual Awareness (duale Aufmerksamkeit).

Warum dieses Modell für uns Therapeuten so entscheidend ist

Das Modell fokussiert auf zwei zentrale psychotherapeutische Kompetenzen:

1. Dual Awareness ist eine Kernkompetenz für Psychotherapeutinnen und -therapeuten, die sich trainieren lässt.

2. Fähigkeit, in Kontakt mit der eigenen Verletzlichkeit zu sein: Diese Fähigkeit macht den feinen, aber entscheidenden Unterschied zwischen einer echten Begegnung auf Augenhöhe und einem distanzierten Kontakt, bei dem wir uns hinter unserer professionellen Rolle verstecken und als Mensch nicht spürbar sind.

Je mehr wir uns trauen, in der Therapiesitzung als fühlende, verletzliche Menschen präsent zu sein – natürlich ohne die eigene Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen, umso mehr gewinnt die Beziehung an heilender Menschlichkeit.

Wie kraftvoll das ist, erlebte ich unlängst in einer Supervision: Ich versuchte einer Supervisandin zu erklären, warum es so wichtig ist, dass auch ich einen spürbaren Draht zu meiner eigenen Verletzlichkeit halte, wenn mein Gegenüber sich öffnet. Während ich darüber sprach, wurde ich selbst einen Moment lang emotional – ohne dabei die professionelle Fassung zu verlieren. In genau diesem Moment fühlte sich die Supervisandin zutiefst gesehen. Es war für uns beide der lebendige Beweis wie wertvoll ein authentisches Gegenüber sein kann. Meist ist es nicht nötig, diese eigene Berührtheit zum Thema zu machen, denn das Gegenüber wird sie unwillkürlich spüren und sich in der eigenen Verletzlichkeit weniger alleine fühlen.





Samstag, 24. Januar 2026

Regulationsresilienz - eine andere Art von Resilienz

Was versteht man unter Resilienz? Eine mögliche Definition lautet folgendermaßen:

«Resilienz (von lateinisch resilire „abprallen“, „zurückspringen“) bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit. Es ist die Fähigkeit, Krisen, Rückschläge oder traumatische Erlebnisse ohne langfristige Beeinträchtigung zu bewältigen und sogar an ihnen zu wachsen.

Diese Definition lässt meiner Meinung nach den spannendsten Aspekt von Resilienz aus, nämlich WIE Belastungen bewältigt werden. Hier kann man unterschieden zwischen Verarbeiten oder Wegstecken. Im Allgemeinenen geht eine geringe Resilienz oft einher mit einer schwachen Emotionsregulation und gilt als Prädiktor für spätere psychische Probleme (Beeghly et al., 2016). In den meisten Büchern zu Resilienz werden dann Ressourcen aufgelistet, welche zur Resilienz beitragen. Diese können in drei Gruppen gegliedert werden:

(1) Persönliche Ressourcen wie Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung und Selbstwirksamkeit

(2) Soziale Ressourcen wie sichere Bindung, soziale Unterstützung und Zugehörigkeit

(3) Neurophysiologische Ressourcen wie vagaler Tonus (Effektivität des Parasympathikus, zu beruhigen), Toleranzfenster und Neuroplastizität

Das Problem einer solchen Auflistung besteht darin, dass unklar ist, ob diese Faktoren Ursache oder Folge von Resilienz darstellen. Führt Optimismus zu Resilienz oder ist Optimismus eine Folge von Resilienz. Ich vermute letzteres. Oft wird auch betont, dass es sich bei Resilienz nicht um eine statische Eigenschaft handelt, die man besitzt oder nicht, sondern um einen dynamischen Prozess, der gelernt werden kann. Leider bleibt die grosse Frage, wie das denn geschehen soll, in den meisten Büchern zum Thema unbeantwortet. Um hier einen Schritt weiterzukommen, kann eine Unterscheidung von zwei Arten von Resilienz helfen.

Denn je nachdem, was wir unter Resilienz verstehen, unterscheidet sich der Weg dahin grundsätzlich. Es sind zwei Arten von Resilienz denkbar:

a) Resilienz als Wegstecken (ohne aktive Regulation):

  • «Verdrängen / Wegstecken»: Es ist etwas Schwieriges geschehen und findet sich damit ab, fokussiert auf anderes. Im Sinne von «Das Leben muss weitergehen.»
  • «Rekalibrieren / Relativieren»: Man hat eine Diagnose für Diabetes erhalten und muss für den Rest des Lebens seinen Blutzucker messen und Insulin spritzen. Nach einem anfänglichen Schock gewöhnt man sich daran und relativiert die Belastung, nachdem ein Kollege eine bösartige Krebsdiagnose mit schlechter Prognose erhalten hat.
  • «Soziale Unterstützung»: Die positiven Effekte von gefühlter sozialer Unterstützung sind heute klar messbar. Zum Beispiel nimmt die Schmerzemfpindlichkeit mit sozialer Unterstützung ab. Eine Studie (Brown et al., 2003) maß die Zeitdauer, wie lange Testpersonen die Hand in einen Becher Eiswasser halten konnten. Die Gruppe mit sozialer Unterstützung zogen ihre Hand deutlich später aus dem Eiswasser.

Wer diese Art von Resilienz fördern möchte, bemüht sich womöglich, weniger Unangenehmes zu spüren, indem er wegspürt, sich ablenkt, verdrängt, sich unempfindlich macht oder verschliesst. Diese Art der Bewältigung basiert auf Trennung und Abstumpfung und nicht auf einer Verbesserung der Regulationsfähigkeit.

b) Resilienz als aktive Regulationsfähigkeit:

  • Hauptunterschied = Das System verarbeitet die eintreffende Aktivierung, es verdrängt sie nicht nur.
  • Regulative Resilienz beinhaltet funktionierende Emotionsregulation.
  • Funktionierende Emotionsregulation bedeutet nicht, dass Emotionen nicht spürbar sind oder nicht unangenehm sind. Eher das Gegenteil: Wir spüren alles intensiv, halten aber nicht fest an den Emotionen, sondern lassen sie durch den Körper ziehen.
  • Mit anderen Worten: Wenn wir den Emotionen nicht im Wege stehen, regulieren sie sich von alleine.

Wer Resilienz als aktiven Regulationsprozess versteht, wird sich bemühen, seine Wahrnehmung zu schärfen und zu öffnen, besser hinzuspüren, Emotionen nicht zu blockieren, sondern hineinzuatmen und durchziehen zu lassen. So kann die Angst vor Belastungen und intensiven Emotionen abnehmen, beziehungsweise das Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit zunehmen – sprich: man gewinnt an Resilienz.

Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit des Organismus, flexibel und adaptiv auf Belastungen zu reagieren und so ein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Als Kleinkinder besitzen wir alle diese natürliche Offenheit, Anpassungsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit. Erst im Laufe des Lebens lernt unser System, sich zu schützen, indem es sich auf potnezielle Bedrohungen wappnet. Eine Person, die überwältigende Emotionen erlebt hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit flacher atmen, einen höheren Muskeltonus (sprich Anspannung) an den Tag legen als jemand ohne diese Erfahrungen. Das Nervensystem wird eingeschränkter funktionieren, und mit der Zeit wird sich in der Person womöglich ein tieferes Energieniveau etablieren – sozusagen ein chronisches Herunterdimmen der energetischen Intensität.

Damit verkleinert sich die Amplitude der emotionalen Intensität: sowohl positive als auch negative Emotionen werden weniger intensiv wahrgenommen. Und falls Sie sich fragen, ob es möglich ist, nur die negativen Emotionen zu dimmen, lautet die Antwort, leider nicht, da die beiden miteinander zusammenhängen. Vielleicht kennen Sie den Spruch „nur wer Trauer empfinden kann, ist auch fähig, Freude zu empfinden“. Er entspricht dem, was ich hier vermitteln möchte.

Wenn man sich nochmals die beiden Arten von Resilienz vor Augen hält - einerseits die Resilienz des Wegsteckens und auf der anderen Seite die Regulationsresilienz, dann wird der Gegensatz deutlich: die erstere zielt auf eine Minimierung der Intensitäts-Amplitude ab, während die letztere die Amplitude vergrößern möchte.




 

 

 

 


 



Die Abbildung zeigt zwei Personen mit unterschiedlicher (Regulations-)Resilienz: Die grüne Linie entspricht einer Person mit hoher Resilienz, respektive einem großen Toleranzfenster. Diese Person kann Emotionen hoher Intensität wahrnehmen, ohne dass einengende Mechanismen einsetzen. Sie funktioniert auf einem energetisch hohen Niveau und dimmt ihre Lebensenergie wenig ein. Mit anderen Worten: diese Person besitzt eine hohe Vitalität, und verspürt auch intensive positive und negative Emotionen, hat also große Stimmungsschwankungen, nimmt diese aber nicht als bedrohlich, sondern als belebend wahr. Die rote Kurve entspricht einer Person mit einer eingeschränkten Resilienz und kleinem Toleranzfenster, z.B eine traumatisierte Person. Der Behälter (Container), der Emotionen halten kann, ist schnell voll und überläuft: Subjektiv werden dann zwar sehr intensive Emotionen wahrgenommen, aber diese sind überwältigend und überfordern die Regulationsfähigkeit des Systems. Dieses verschliesst sich aus Schutz und macht sozusagen alle Schotten dicht. Im Extremfall bleiben die Schotten dauerhaft verschlossen, was dem Phänomen einer emotionalen Taubheit oder Alexithymie gleichkommt. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Person keine großartige Beziehung zu ihren Emotionen hat – vielmehr fürchtet und vermeidet sie diese wenn immer möglich.

Zusammenfassend lässt sich zur regulativen Resilienz sagen:

  • Je größer die Kapazität, emotionale Intensität wahrzunehmen und zu halten (ich nenne dies auch die Schwingungsfähigkeit), umso größer auch die Herzratenvariabilität (HRV). [Diese bezeichnet die Variation in den Zeitintervallen zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen und gilt als Indikator für autonome Flexibilität]

  • Je größer die Amplitude der Resilienz, umso dynamischer und adaptiver kann das Herz reagieren – und zwischen sympathischer und parasympathischer Aktivierung hin- und herschalten – und umso besser die Schwingungsfähigkeit und Resilienz. Mit anderen Worten: Resilienz bedeutet flexible Anpassungsfähigkeit.

  • Die Forschung hat gezeigt, dass ein potenter vagaler Tonus, gemessen anhand der respiratorischen Sinusarrhythmie (RSA), einer guten Regenerationsfähigkeit und Resilienz entspricht. Je höher die RSA-Basiswerte, umso höher die Verhaltensflexibilität und Emotions- und Aufmerksamkeitsregulation (Beauchaine & Thayer, 2015).

  • Umgekehrt konnte in einer Vielzahl von Studien bestätigt werden, dass eine verminderte Herzratenvariabilität, sprich Rigidität des ANS, mit psychischen Erkrankungen, erhöhten Entzündungswerten und Depression korrelierte (Beauchaine & Thayer, 2015; Adams et al., 2023; Ding et al., 2024).

Abschliessend möchte ich festhalten, dass beide Formen von Resilienz wertvoll sind und einander ergänzen können. In gewissen Momenten mag es besser sein, zu verdrängen und sich zu schützen, um sich dann später in Ruhe einer Verarbeitung zu widmen. Letzten Endes muss jede Person selbst entscheiden, wie sie mit Belastungen und Emotionen umgeht. Wer einmal gute Erfahrungen mit dem einen oder anderen Ansatz gemacht hat, mag auch dabei bleiben wollen, und das ist auch gut so. Meiner Absicht mit diesem Beitrag (und meinem Buch) ist es, für Neugierige einen alternativen Weg im Umgang mit Emotionen und Stress aufzuzeigen. Wie genau die einzelnen Schritte auf dem Weg zu mehr Resilienz, Regulationsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit aussehen, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt beschreiben.

Literaturangaben:

Adam, J., Rupprecht, S., Künstler, E. C. S., & Hoyer, D. (2023). Heart rate variability as a marker and predictor of inflammation, nosocomial infection, and sepsis - A systematic review. Autonomic neuroscience: basic & clinical, 249, 103116.

Beauchaine, T. P. & Thayer, J. F. (2015). Heart Rate Variability as a Transdiagnostic Biomarker of Psychopathology. International Journal of Psychophysiology: Official Journal of the International Organization of Psychophysiology 98(2.2), 338–350.

Beeghly, M., Perry, B. D. & Tronick, E. (2016). Self-regulatory processes in early development. In S. Maltzman (Hrsg.), The Oxford handbook of treatment processes and outcomes in psychology: A multidisciplinary, biopsychosocial approach (S. 42-54). Oxford: Oxford University Press.

Brown, J. L., Sheffield, D., Leary, M. R., & Robinson, M. E. (2003). Social support and experimental pain. Psychosomatic medicine, 65(2), 276–283.

Ding, J., Wu, Y., Wang, B., & Sun, Z. (2024). The relationship between depression severity and heart rate variability in children and adolescents: A meta-analysis. Journal of psychosomatic research, 182, 111804.