Samstag, 24. Januar 2026

Regulationsresilienz - eine andere Art von Resilienz

Was versteht man unter Resilienz? Eine mögliche Definition lautet folgendermaßen:

«Resilienz (von lateinisch resilire „abprallen“, „zurückspringen“) bezeichnet die psychische Widerstandsfähigkeit. Es ist die Fähigkeit, Krisen, Rückschläge oder traumatische Erlebnisse ohne langfristige Beeinträchtigung zu bewältigen und sogar an ihnen zu wachsen.

Diese Definition lässt meiner Meinung nach den spannendsten Aspekt von Resilienz aus, nämlich WIE Belastungen bewältigt werden. Hier kann man unterschieden zwischen Verarbeiten oder Wegstecken. Im Allgemeinenen geht eine geringe Resilienz oft einher mit einer schwachen Emotionsregulation und gilt als Prädiktor für spätere psychische Probleme (Beeghly et al., 2016). In den meisten Büchern zu Resilienz werden dann Ressourcen aufgelistet, welche zur Resilienz beitragen. Diese können in drei Gruppen gegliedert werden:

(1) Persönliche Ressourcen wie Optimismus, Akzeptanz, Lösungsorientierung und Selbstwirksamkeit

(2) Soziale Ressourcen wie sichere Bindung, soziale Unterstützung und Zugehörigkeit

(3) Neurophysiologische Ressourcen wie vagaler Tonus (Effektivität des Parasympathikus, zu beruhigen), Toleranzfenster und Neuroplastizität

Das Problem einer solchen Auflistung besteht darin, dass unklar ist, ob diese Faktoren Ursache oder Folge von Resilienz darstellen. Führt Optimismus zu Resilienz oder ist Optimismus eine Folge von Resilienz. Ich vermute letzteres. Oft wird auch betont, dass es sich bei Resilienz nicht um eine statische Eigenschaft handelt, die man besitzt oder nicht, sondern um einen dynamischen Prozess, der gelernt werden kann. Leider bleibt die grosse Frage, wie das denn geschehen soll, in den meisten Büchern zum Thema unbeantwortet. Um hier einen Schritt weiterzukommen, kann eine Unterscheidung von zwei Arten von Resilienz helfen.

Denn je nachdem, was wir unter Resilienz verstehen, unterscheidet sich der Weg dahin grundsätzlich. Es sind zwei Arten von Resilienz denkbar:

a) Resilienz als Wegstecken (ohne aktive Regulation):

  • «Verdrängen / Wegstecken»: Es ist etwas Schwieriges geschehen und findet sich damit ab, fokussiert auf anderes. Im Sinne von «Das Leben muss weitergehen.»
  • «Rekalibrieren / Relativieren»: Man hat eine Diagnose für Diabetes erhalten und muss für den Rest des Lebens seinen Blutzucker messen und Insulin spritzen. Nach einem anfänglichen Schock gewöhnt man sich daran und relativiert die Belastung, nachdem ein Kollege eine bösartige Krebsdiagnose mit schlechter Prognose erhalten hat.
  • «Soziale Unterstützung»: Die positiven Effekte von gefühlter sozialer Unterstützung sind heute klar messbar. Zum Beispiel nimmt die Schmerzemfpindlichkeit mit sozialer Unterstützung ab. Eine Studie (Brown et al., 2003) maß die Zeitdauer, wie lange Testpersonen die Hand in einen Becher Eiswasser halten konnten. Die Gruppe mit sozialer Unterstützung zogen ihre Hand deutlich später aus dem Eiswasser.

Wer diese Art von Resilienz fördern möchte, bemüht sich womöglich, weniger Unangenehmes zu spüren, indem er wegspürt, sich ablenkt, verdrängt, sich unempfindlich macht oder verschliesst. Diese Art der Bewältigung basiert auf Trennung und Abstumpfung und nicht auf einer Verbesserung der Regulationsfähigkeit.

b) Resilienz als aktive Regulationsfähigkeit:

  • Hauptunterschied = Das System verarbeitet die eintreffende Aktivierung, es verdrängt sie nicht nur.
  • Regulative Resilienz beinhaltet funktionierende Emotionsregulation.
  • Funktionierende Emotionsregulation bedeutet nicht, dass Emotionen nicht spürbar sind oder nicht unangenehm sind. Eher das Gegenteil: Wir spüren alles intensiv, halten aber nicht fest an den Emotionen, sondern lassen sie durch den Körper ziehen.
  • Mit anderen Worten: Wenn wir den Emotionen nicht im Wege stehen, regulieren sie sich von alleine.

Wer Resilienz als aktiven Regulationsprozess versteht, wird sich bemühen, seine Wahrnehmung zu schärfen und zu öffnen, besser hinzuspüren, Emotionen nicht zu blockieren, sondern hineinzuatmen und durchziehen zu lassen. So kann die Angst vor Belastungen und intensiven Emotionen abnehmen, beziehungsweise das Vertrauen in die eigene Bewältigungsfähigkeit zunehmen – sprich: man gewinnt an Resilienz.

Resilienz bedeutet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit des Organismus, flexibel und adaptiv auf Belastungen zu reagieren und so ein inneres Gleichgewicht wiederherzustellen. Als Kleinkinder besitzen wir alle diese natürliche Offenheit, Anpassungsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit. Erst im Laufe des Lebens lernt unser System, sich zu schützen, indem es sich auf potnezielle Bedrohungen wappnet. Eine Person, die überwältigende Emotionen erlebt hat, wird mit großer Wahrscheinlichkeit flacher atmen, einen höheren Muskeltonus (sprich Anspannung) an den Tag legen als jemand ohne diese Erfahrungen. Das Nervensystem wird eingeschränkter funktionieren, und mit der Zeit wird sich in der Person womöglich ein tieferes Energieniveau etablieren – sozusagen ein chronisches Herunterdimmen der energetischen Intensität.

Damit verkleinert sich die Amplitude der emotionalen Intensität: sowohl positive als auch negative Emotionen werden weniger intensiv wahrgenommen. Und falls Sie sich fragen, ob es möglich ist, nur die negativen Emotionen zu dimmen, lautet die Antwort, leider nicht, da die beiden miteinander zusammenhängen. Vielleicht kennen Sie den Spruch „nur wer Trauer empfinden kann, ist auch fähig, Freude zu empfinden“. Er entspricht dem, was ich hier vermitteln möchte.

Wenn man sich nochmals die beiden Arten von Resilienz vor Augen hält - einerseits die Resilienz des Wegsteckens und auf der anderen Seite die Regulationsresilienz, dann wird der Gegensatz deutlich: die erstere zielt auf eine Minimierung der Intensitäts-Amplitude ab, während die letztere die Amplitude vergrößern möchte.




 

 

 

 


 



Die Abbildung zeigt zwei Personen mit unterschiedlicher (Regulations-)Resilienz: Die grüne Linie entspricht einer Person mit hoher Resilienz, respektive einem großen Toleranzfenster. Diese Person kann Emotionen hoher Intensität wahrnehmen, ohne dass einengende Mechanismen einsetzen. Sie funktioniert auf einem energetisch hohen Niveau und dimmt ihre Lebensenergie wenig ein. Mit anderen Worten: diese Person besitzt eine hohe Vitalität, und verspürt auch intensive positive und negative Emotionen, hat also große Stimmungsschwankungen, nimmt diese aber nicht als bedrohlich, sondern als belebend wahr. Die rote Kurve entspricht einer Person mit einer eingeschränkten Resilienz und kleinem Toleranzfenster, z.B eine traumatisierte Person. Der Behälter (Container), der Emotionen halten kann, ist schnell voll und überläuft: Subjektiv werden dann zwar sehr intensive Emotionen wahrgenommen, aber diese sind überwältigend und überfordern die Regulationsfähigkeit des Systems. Dieses verschliesst sich aus Schutz und macht sozusagen alle Schotten dicht. Im Extremfall bleiben die Schotten dauerhaft verschlossen, was dem Phänomen einer emotionalen Taubheit oder Alexithymie gleichkommt. Es ist nicht verwunderlich, dass diese Person keine großartige Beziehung zu ihren Emotionen hat – vielmehr fürchtet und vermeidet sie diese wenn immer möglich.

Zusammenfassend lässt sich zur regulativen Resilienz sagen:

  • Je größer die Kapazität, emotionale Intensität wahrzunehmen und zu halten (ich nenne dies auch die Schwingungsfähigkeit), umso größer auch die Herzratenvariabilität (HRV). [Diese bezeichnet die Variation in den Zeitintervallen zwischen aufeinanderfolgenden Herzschlägen und gilt als Indikator für autonome Flexibilität]

  • Je größer die Amplitude der Resilienz, umso dynamischer und adaptiver kann das Herz reagieren – und zwischen sympathischer und parasympathischer Aktivierung hin- und herschalten – und umso besser die Schwingungsfähigkeit und Resilienz. Mit anderen Worten: Resilienz bedeutet flexible Anpassungsfähigkeit.

  • Die Forschung hat gezeigt, dass ein potenter vagaler Tonus, gemessen anhand der respiratorischen Sinusarrhythmie (RSA), einer guten Regenerationsfähigkeit und Resilienz entspricht. Je höher die RSA-Basiswerte, umso höher die Verhaltensflexibilität und Emotions- und Aufmerksamkeitsregulation (Beauchaine & Thayer, 2015).

  • Umgekehrt konnte in einer Vielzahl von Studien bestätigt werden, dass eine verminderte Herzratenvariabilität, sprich Rigidität des ANS, mit psychischen Erkrankungen, erhöhten Entzündungswerten und Depression korrelierte (Beauchaine & Thayer, 2015; Adams et al., 2023; Ding et al., 2024).

Abschliessend möchte ich festhalten, dass beide Formen von Resilienz wertvoll sind und einander ergänzen können. In gewissen Momenten mag es besser sein, zu verdrängen und sich zu schützen, um sich dann später in Ruhe einer Verarbeitung zu widmen. Letzten Endes muss jede Person selbst entscheiden, wie sie mit Belastungen und Emotionen umgeht. Wer einmal gute Erfahrungen mit dem einen oder anderen Ansatz gemacht hat, mag auch dabei bleiben wollen, und das ist auch gut so. Meiner Absicht mit diesem Beitrag (und meinem Buch) ist es, für Neugierige einen alternativen Weg im Umgang mit Emotionen und Stress aufzuzeigen. Wie genau die einzelnen Schritte auf dem Weg zu mehr Resilienz, Regulationsfähigkeit und Schwingungsfähigkeit aussehen, werde ich zu einem späteren Zeitpunkt beschreiben.

Literaturangaben:

Adam, J., Rupprecht, S., Künstler, E. C. S., & Hoyer, D. (2023). Heart rate variability as a marker and predictor of inflammation, nosocomial infection, and sepsis - A systematic review. Autonomic neuroscience: basic & clinical, 249, 103116.

Beauchaine, T. P. & Thayer, J. F. (2015). Heart Rate Variability as a Transdiagnostic Biomarker of Psychopathology. International Journal of Psychophysiology: Official Journal of the International Organization of Psychophysiology 98(2.2), 338–350.

Beeghly, M., Perry, B. D. & Tronick, E. (2016). Self-regulatory processes in early development. In S. Maltzman (Hrsg.), The Oxford handbook of treatment processes and outcomes in psychology: A multidisciplinary, biopsychosocial approach (S. 42-54). Oxford: Oxford University Press.

Brown, J. L., Sheffield, D., Leary, M. R., & Robinson, M. E. (2003). Social support and experimental pain. Psychosomatic medicine, 65(2), 276–283.

Ding, J., Wu, Y., Wang, B., & Sun, Z. (2024). The relationship between depression severity and heart rate variability in children and adolescents: A meta-analysis. Journal of psychosomatic research, 182, 111804.