Samstag, 13. Juli 2024

Neurofeedback – ein Selbstversuch

 

Seitdem ich Bessel van der Kolks Traumaklassiker «The body keeps the score» (deutsch «Verkörperter Schrecken») gelesen habe, war ich fasziniert von der Idee des Neurofeedback. Eine Methode, bei der sich das Gehirn selbst reguliert und neue Verknüpfungen schafft, ganz non-invasiv – das schien mir besonders elegant. Neuronen unseres Gehirns kommunizieren mittels chemischer und elektrischer Prozesse miteinander. Jegliche Psychopharmaka nutzen den chemischen Weg, das Gehirn zu beeinflussen und Symptome zu lindern. Interessanterweise wird der elektrische Kommunikationsweg des Gehirns noch vergleichsweise selten genutzt, um dieses zu beeinflussen, Symptome zu minimieren oder eben die Funktionsweise von Grund auf zu verändern und neu zu trainieren. Und genau das macht Neurofeedback. Die non-invasive Funktionsweise des Neurofeedback erinnerte mich auch an die Methode des EMDR (eye movement desensitization and reprocessing), welches ich seit Jahren mit ungetrübter Begeisterung mit vielen PatientInnen anwende. Das Prinzip, dem Gehirn ein Startsignal zu geben (anhand der bilateralen Stimulation) und es dann seinen eigenen Weg finden zu lassen, um traumatische Erinnerungen zu verarbeiten, gefiel mir schon damals und entsprach auch meiner Vorliebe für Autonomie und Selbstbestimmung, die ich auch gerne meinen PatientInnen gewähre. Wie auch immer. Mehr zu EMDR in meinem Blogbeitrag darüber.

Irgendwann fasste ich den Beschluss zu einem Selbstversuch. Doch wie ich aus den zwei Fachbüchern erfahren hatte, die ich zur Vorbereitung zum Thema gelesen hatte, ist Neurofeedback zwar in der Sitzung selbst entspannt und verlangt keinerlei Anstrengung oder Disziplin. Dafür braucht es Einiges an Durchhaltevermögen und Konsistenz, die wöchentlichen Sitzungen mindestens während mehreren Monaten wahrzunehmen. In meinem Fall waren es schliesslich um die neun Monate.
Der erste Termin bestand daraus, ein qEEG meines Gehirns anzufertigen, um zuerst zu verstehen, wie mein Gehirn überhaupt tickt. qEEG bedeutet übrigens «qualitatives EEG» (Elektro Enzephalogramm). Dabei musste ich mir eine Kappe mit 19 Sensoren anziehen, welche meine Hirnaktivität in drei verschiedenen Zuständen mass: a) Ruhezustand mit offenen Augen, b) Ruhezustand mit geschlossenen Augen, c) während einer einfachen Reaktionsaufgabe. 

Die Aufgabe bestand darin, so schnell wie möglich mit einer Maus zu klicken, wenn man zwei Bilder eines Tieres nacheinander gesehen hatte (nicht aber bei zwei aufeinanderfolgenden Bildern von Pflanzen), oder ähnlich. In einer weiteren Sitzung wurden die Messwerte dieses qEEGs dann besprochen, und verglichen mit einer Liste von Symptomen, die ich ebenfalls ausfüllen musste. Ich war beeindruckt, wie viele Informationen die Neurofeedback Spezialistin aus den Daten herauslesen konnte. Manche Dinge liessen jedoch auch unterschiedliche Interpretationen zu. Beispielsweise wurden bei mir mehr Thetawellen und wenig schnelle Betawellen im Frontallappen gemessen. Laut Spezialistin entspreche dies einem Stand-By-Modus, und spreche für eine leichte Unteraktivierung des Frontalbereichs. Es könne ein Zeichen für Aufmerksamkeitsprobleme sein. Eine alternative Interpretation könnte jedoch auch sein, dass die Aufgabe langweilig gewesen sei (was der Fall war), dass mein Filter nicht so gut funktioniere oder dass ich mich allenfalls abgelenkt gefühlt haben könnte. Dies nur zur Illustration. Die Thetawellen fanden sich ebenfalls frontal midline (mittig), was offenbar darauf hinweise, dass mein Gehirn mit sich selbst im Dialog sei und auf eine hohe Selbstreflektionsaktivität hinweise. Die Aktivierung meines zingulären Systems hingegen bedeute oft oppositionelle Energie, hmm…  Das limbische System sähe eher gefühlsabwehrend aus, als jemand, der seine Sache gut machen wolle, könnte auch mit zwanghaften Verhaltensweisen vereinbar sein. Und schliesslich zeigten sich temporal vor der Amygdala recht hohe Deltawellen, was auf emotionale Dissoziation oder auch Tinnitus hindeuten könne. Um Sie nicht weiter mit diesen Details zu langweilen. Mein Punkt ist: Diese Interpretationen trafen alle zu: leicht abgelenkt, teils gefühlsabwehrend, leicht zwanghaft und ich habe einen Tinnitus!

Wir einigten uns, dass wir zunächst auf den Frontalbereich fokussieren würden mit dem Ziel, diesem beizubringen, sich mit weniger Energieaufwand zu aktivieren und online zu bleiben. Denn die Auswertung der Aufgabe hatte ergeben, dass mein Gehirn die Aufgabe zwar schnell und fehlerlos bewältigt hatte, jedoch mit einem enormen Aufwand an Energie.

Bevor ich zu meiner Erfahrung während und nach den Sitzungen komme, möchte ich kurz auf das grundlegende Funktionsprinzip von Neurofeedback erklären: Die Kappe, welche man sich dafür anziehen muss, enthält eine Anzahl von Elektroden, welche die elektrische Hirnaktivität messen (keine Angst, es fliesst kein Strom ins Gehirn) und an einen Computer weiterleiten. Dort kann bestimmt werden, bei welcher Aktivität ein Film oder ein Spiel laufen soll und bei welcher Aktivität der Film stocken soll. Der Level soll so gewählt werden, dass das Gehirn etwas arbeiten muss, jedoch auch zum Ziel gelangen kann, nämlich den Film einigermassen flüssig anzuschauen. Diese Art der Anordnung nennt sich Frequenzbandtraining und ist eine der ursprünglichsten Behandlungsprotokollen. Sie verlangt vom Probanden keinerlei Anstrengung. Im Gegenteil: Ich hätte nicht gewusst, wie ich es anstellen sollte, um meine frontalen Thetawellen (4-7Hz) zu heben und gleichzeitig meine tiefen Betawellen etwas zu heben (keine Ahnung, ob das Sinn macht). Mit anderen Worten: Man schaut den Film und versucht zu entspannen. Dann klappt es meist besser und das Gehirn macht, was notwendig ist, dass der Film rund abläuft. Die Sitzungen fühlen sich also nicht nach Arbeit oder Anstrengung an, obwohl das Gehirn auf Hochtouren arbeitet.  Mittlerweile existieren eine kaum zu überblickende Vielzahl von unterschiedlichen Behandlungsprotokollen von einer grossen Anzahl an Softwareherstellern: Othmer Methode, Alpha-Gamma Synchronic Training, Alpha-Theta-Training, ILF Training (infra low frequencies), SCP Training (slow cortical potentials), biploares Training, Kohärenztraining, Z-Wert-basiertes Training, LENS (Low Energy Neurofeedback System von Len Ochs), LORETA-Neurofeedback (Low Resolution Electromagnetic Tomography), ZENGAR, Neuroptimal (dynamisches, non-lineares NFB, von Susan Brown) und viele mehr.


Neurofeedback soll besonders hilfreich sein bei ADHS, Steigerung der Konzentrations- und Lernfähigkeit, aber auch bei Autismus, Angst oder Trauma sehr hilfreich, indem es Prozesse der Selbstregulation neu organisiert und von Grund auf verbessert. Dies war denn auch meine Hauptmotivation auf dem Hintergrund des van der Kolk Buches: Denn wer möchte sich schon zufrieden geben mit einer reinen Symptombehandlung, wie wir es seit 50+ Jahren mit Psychopharmaka betreiben? Es ist klar, dass die beste Behandlung von psychiatrischem Leiden in Zukunft an der Quelle ansetzen muss, und nicht an den Symptomen. So betrachtet wird Neurofeedback als eine Methode für einen potentiellen Paradigmenwechsel gefeiert und als Bindeglied zwischen Neurowissenschaften und Phänomenologie betrachtet. Dabei wird jedoch kritisiert, dass die Effekte teils nicht nachhaltig sind, und wieder verloren gehen nach einer Weile. Zudem ist die Behandlung wie gesagt recht zeitintensiv und es gibt keine schnellen Resultate. Man muss sich schon ein bis zwei Monate ohne grössere Veränderungen gedulden können, bis sich erste Anzeichen bemerkbar machen.

Meine Erfahrung mit dem Training

Die erste Sitzung verlief in meinem Fall etwas holprig: Es schien ein technisches Problem vorzuliegen.  Der Film schien nicht recht zu reagieren, was mich in dem Moment nervte und dazu führte, dass ich mich beklagte am Ende der Sitzung. Wie soll ich oder mein Gehirn denn diese Aufgabe bewältigen und etwas lernen, wenn die Software schon gar nicht funktioniert? Berechtigte Frage, jedoch wurde im Nachhinein auch deutlich, dass der Ärger auch ein Ausdruck meines offenbar trägen Gehirns war: Es wollte seine Art der Aufmerksamkeitsregelung offenbar nicht verändern. Die nächsten Wochen mit Trainings verliefen besser, jedoch ohne grosse Veränderungen. Nach einigen Wochen schien sich ein Trend zu zeigen, und zwar ein negativer: Ich fühlte mich öfters genervt, reagierte impulsiver, war weniger gut organisiert und hatte weniger Geduld mit Kleinigkeiten. Wir interpretierten die Reaktionen als Startschwierigkeiten und beschlossen, mit dem Training in dieselbe Richtung fortzufahren. Während die frontale Aktivierung jeweils sehr gut und schnell klappte, zeigte sich bei der Beruhigung der frontalen Aktivitäten mehr Gegenwind. In den folgenden Wochen verstärkten sich die negativen Effekte, und als diese auch nach einem weiteren Anpassungsversuch keine Verbesserungen zeigten, stand fest, dass sich mein Gehirn offenbar heftigst gegen den Eingriff in die Funktionsweise meines Frontallappens wehrte. Wir änderten den Kurs und da ich so oder so unbedingt das Alpha-Theta Training ausprobieren wollte, einigten wir uns darauf. Soweit ich informiert war durch Sebern Fishers Buch «Neurofeedback in the treatment of developmental trauma» sollte Alpha-Theta Training einen Trance-ähnlichen Zustand hervorrufen. Das Training, welches im Vergleich zum bisher praktizierten liegend, mit geschlossenen Augen und mit rein auditorischem Feedback praktiziert wird, sei ein sogenanntes «Deep-state Training», wobei man in eine Art regressiven Zustand versetzt werde, in dem oft vergessene traumatische Erinnerungen hochkommen würden. Ich war schon gespannt, was denn da alles noch ans Licht kommen würde, und war dann überrascht, dass so gar nichts kam. Anstattdessen entpuppte sich das Alpha-Theta Training als ein Schnellzug in die Tiefenentspannung, und zwar derart tief, dass man fast schon von einem dorsal-vagalen Lähmungszustand sprechen könnte (ohne Angst). Wer diesen nicht kennt, kann sich gerne in meinem Blogpost über die Polyvagaltheorie dazu informieren. Die Immobilisierung war so stark, dass mir anfangs regelmässig die Hände «einschliefen», was anfangs etwas unangenehm war. Jedoch war der Entspannungszustand derart erholend und erfrischend, dass es sich trotzdem gelohnt hatte. In den folgenden Wochen verschwanden die Genervtheit, die Impulsivität und die restlichen negativen Symptome gänzlich zugunsten einer verbesserten Ausgeglichenheit, inneren Ruhe und Harmonie, welche nicht nur ich, sondern auch mein Umfeld wahrnehmen konnten. Erstaunlich, welchen Effekt diese 20 Minuten Tiefenentspannung pro Woche auf die gesamte Woche hatten! Mein Gehirn und ich waren glücklich, denn diese Art des Trainings entsprachen mir voll und ganz, und es war keine neuronale Rebellion mehr nötig! Mit fortschreitender Zeit begann ich mich zu fragen, ob sich die Effekte noch weiter verbessern würden oder ob es dabeibleiben würde. Nach Rücksprache mit der Spezialistin entschieden wir, noch bis zur 30. Stunde fortzufahren, um die Effekte zu sichern und damit für mehr Nachhaltigkeit zu sorgen.

Heute, zirka zehn Monate später, fällt es mir schwer, zu sagen, inwiefern die Effekte angehalten haben oder noch anhalten. Insgesamt war es jedoch eine sehr bereichernde Erfahrung. Ich habe heute andere Wege gefunden, meinem Körper «das Geschenk der Entspannung zu geben» (ein Lieblingsausspruch von Peter Levine) und die Erfahrung der Tiefenentspannung durch das Alpha-Theta Training hat sicherlich auch dazu beigetragen, auch den angstfreien, dorsal-vagalen Zustand schätzen zu lernen, im Vergleich zum ventral-vagalen Zustand.

Ich kann Neurofeedback allen Interessierten empfehlen. 

Empfehlenswerte Adressen im Raum Zürich / Winterthur:

Sonntag, 12. März 2023

Das Geschenk der Aufmerksamkeit

    Aufmerksamkeit ist heutzutage unser kostbarstes Gut. Im realen und virtuellen Alltag wird mit allen Mitteln um unsere Aufmerksamkeit gebuhlt, und erklärtes Ziel von Social Media und Online Plattforen ist es, die Nutzer möglichst lange interessiert und engagiert zu halten, um die Werbeeinnahmen zu erhöhen. (Netflix Documentary «The social dilemma»). Unlängst bestehen Marketingteams aus Psychologen und Neurowissenschaftler, welche die neuesten Erkenntnisse zu Aufmerksamkeit in öffentlichkeitstaugliche Konzepte einbetten. Leider sind aber auch die Folgen dieser unsteten Entwicklung längst bekannt: Das Hijacking unserer Aufmerksamkeit funktioniert derart gut, dass es zu Suchtverhalten führt, mit Nebenwirkungen wie Entzugserscheinungen, Konzentrationsproblemen, Bildung von Meinungs-Bubbles, Realitätsentfremdung, sozialer Isolation und abnehmender Selbstregulationsfähigkeit. Natürlich nutzen die fleissigen Forscher genau diese Schwäche gezielt aus und bieten massgeschneiderte Produkte online an, welche wiederum die Erlösung von den selbst kreierten Problemen verspricht. So ist eine perfekte – sich selbst nährende (oder sollte ich sagen: zerfleischende?) – Konsumgesellschaft geschaffen worden, in der ein artifiziell hergestellter Mangel eine Nachfrage nach Produkten generiert, die wiederum den Mangel verstärkt. 
     Als Psychologe und Psychotherapeut möchte ich den Fokus hier aber auf die Psychologie legen, und insbesondere auf die wunderbaren positiven Eigenschaften von Aufmerksamkeit im zwischenmenschlichen Kontakt. 
     Ich spreche im Titel absichtlich vom Geschenk der Aufmerksamkeit, und nicht von der Macht oder der Fähigkeit. Denn ich erachte es als ein Geschenk, wenn man im persönlichen Kontakt jemandem seine Aufmerksamkeit schenkt. Das beinhaltet mehrere Faktoren: 

  • Ich schenke Dir meine Aufmerksamkeit in diesem Moment, ohne gleich etwas dafür zu erwarten. Ich schenke sie Dir, weil ich mich für Dich interessiere, und in diesem Moment für nichts Anderes. 
  • Ich bin in diesem Moment voll präsent im Moment und beschäftige mich mit nichts anderem. Das ist wahre Achtsamkeit. 
  •  Ich bin voll im Modus des Empfangens, Zuhörens, Aufnehmens, Nachvollziehen und empfange alles mit einem freundlichen Wohlwollen, ohne zu bewerten oder zu urteilen. 
  • Damit stelle ich alle meine persönlichen Bedürfnisse zurück, und wende die Konversation nicht bei der ersten Gelegenheit auf meine eigene Person, Gedanken und Bedürfnisse zurück. 
  • Ich kultiviere damit eine Haltung des Zuhörens, Akzeptierens und der Wertschätzung. Das bedeutet nicht, dass ich allem zustimme, sondern dass ich die Haltung vertrete, dass die Person, der ich zuhöre, gute Gründe hat für ihr Verhalten und Empfinden – unabhängig davon, ob ich diese verstehe oder nicht. Das ist eine Haltung von Respekt, Akzeptanz und gegenseitiger Würde. Dies ist auch die Grundhaltung der humanistischen Tradition.

Je mehr wir unsere Aufmerksamkeit in der oben beschriebenen Art pflegen, wie oben beschrieben pflegt, umso mehr wird sich eine dreidimensionale, erfüllende und lebendige Realität eröffnen. Menschen in unserem Umfeld werden diese Zugewandtheit und Achtsamkeit bemerken, und es wird automatisch zu einer Verlangsamung des Lebens kommen. Denn Monotasking (als Gegensatz zum Multitasking) verlangsamt und intensiviert die Erfahrung. Diese Haltung können wir natürlich auch uns selbst gegenüber praktizieren: So können wir Selbstakzeptanz und Selbstrespekt üben, was zu mehr Authentizität führen wird. 
 
Der meiner Meinung nach wichtigste Einsatzbereich für das Geschenk der Aufmerksamkeit ist der Umgang mit unseren Kindern oder jungen Menschen. Denken Sie zurück an die eigene Kindheit. Manchmal gibt es nichts Wichtigeres als etwas teilen zu können und zu spüren, dass das Gesagte beim Gegenüber ankommt und gehört wird. Wenn wir nicht gleich ins «Tipps-Geben» oder «von eigenen Erinnerungen erzählen» rutschen, können wir dem Gegenüber einen Resonanz-Raum geben und uns in ihre Welt begeben. Die Person wird es sicherlich zu schätzen wissen und früher oder später das Geschenk von sich aus retournieren.

Ich wünsche allen Leser*innen viel Neugier beim Ausprobieren!

Dienstag, 14. Juni 2022

Die beste Übung der Psychotherapie

Ich möchte hier eine Wahrnehmungsübung vorstellen, die ich als sehr hilfreich für die verschiedensten Bereiche erlebt habe. Aber dazu später. Zuerst stelle ich die Übung kurz vor, und gehe dann im Anschluss auf die Idee dahinter und den möglichen Nutzen ein.

Setzen Sie sich an einen bequemen Ort hin, wo Sie möglichst für die nächsten 5-10 Minuten nicht gestört werden. Achten Sie auf Ihren Atem und erlauben Sie sich tief und lange auszuatmen, in Ihrem eigenen Rhythmus. Wiederholen Sie das einige Male, und wenn Sie mögen, lassen Sie ihre Schultern, Arme, Gesichtsmuskeln und weitere Anspannungen mit jedem Ausatmen in den Boden sinken. Geben Sie sich so viel Zeit, bis Sie merken, dass genügend innere Ruhe vorhanden ist, sich auf die Übung zu konzentrieren.
Jetzt richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die folgenden Bereiche, das erste Mal vielleicht der Reihe nach, bei wiederholter Durchführung auch «Free Style», in beliebiger Reihenfolge. 

 

  • 5 Sinne                             Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken
                Bsp. «Ich sehe den Teppich vor mir» «Ich höre Schritte im Gang.» «Ich  
                spüre den warmen
    Stuhl an meinem Rücken», «Ich rieche etwas
     Unangenehmes», «Ich schmecke Kaffee auf meiner Zunge», etc.
  • Denken                             Erinnerungen, Vergleiche, Bewertungen, Interpretationen, Erklärungen, etc.
     Bsp. «Ich überlege, ob ich die Übung richtig mache.» «Ich denke, dass ich 
     das
    wahrscheinlich schnell lerne, da es ja recht einfach aussieht.» «Ich frage
     mich, was daran denn so hilfreich sein soll.»
  • Körpersensationen     Beschreiben, was im Körper drin spürbar ist (auch mit Bildern, Metaphern)
                                                Bsp. «Mein Bauch blubbert», «Ich spüre einen Druck auf der Brust», «Ich habe
     stechende Kopfschmerzen und einen leichten Schwindel» «Es fühlt sich an,  
     wie wenn jemand mich
    runterdrücken würde.»
  • Gefühle                            Angenehm vs. unangenehm, falls kein Gefühl vorhanden ist oder eine unklare
     Mischung, ist das sehr normal – Nehmen Sie das zur Kenntnis ohne zu  
     bewerten
    «Ich fühle mich gestresst», «Ich bin traurig», «Ich bemerke, wie ich  
     etwas ärgerlich
    werde», «Ich bin verwirrt und etwas ratlos», «Ich spüre jetzt
     im Moment nichts Besonderes»
  • Verhaltensimpulse      Was möchte der Körper jetzt tun, welche Haltung, Bewegung, in welche
     Richtung, mit welcher Intensität, etc.? Es geht um instinktive Impulse des 
     Reptilienhirn, die ohne aktives
    Denken entstehen. Falls Ihnen das schwerfällt, 
     können Sie sich auch vorstellen, ein Tier zu sein: Wie würden Sie sich jetzt als 
     Tier verhalten?

                                                Bsp. «Ich würde mich jetzt am liebsten einrollen und unter meiner Decke im
     Bett verkriechen», «Ich könnte jetzt schreien und dreinschlagen», «Ich würde 
     am liebsten davonrennen», «Meine Beine wollen sich irgendwie bewegen.» 
     «Ich möchte meinen Kopf am
    liebsten ablegen» «Ich würde jetzt am liebsten  
     alleine sein.» «Ich hätte jetzt gerne, wenn Sie
    einen Moment ruhig wären und 
     ich nichts sagen müsste.»

Wenn ich die Übung mit meinen Patienten durchführe, dann wechseln wir jeweils ab, d.h. ich mache vielleicht den ersten Durchgang – auch um eine Idee zu haben, wie das gemeint ist – und der Patient macht den nächsten Durchgang, abwechslungsweise. Auf diese Weise wird auch die Beziehung (mit ihrer Kraft der Co-Regulation) mit ins Spiel gebracht. Nach einigen Durchgängen stoppen wir und ich frage nach, wie es dem Patienten geht. Ich achte mich dabei insbesondere darauf auf die Aktivierung und Verbindung zu sich selbst, und welche Ebenen er bei sich gut wahrnimmt und welche weniger. Falls intensive Gefühle oder Reaktionen auftauchen, gebe ich diesen natürlich Raum und helfe sie zu regulieren, bevor die Übung fortgesetzt wird. 

Welche Bereiche werden trainiert durch diese Übung?

  • Fähigkeit zur nicht wertenden Selbstbeobachtung (Achtsamkeit, Selbst-Bewusstsein)
    Die Fähigkeit, sich selbst aus einer Beobachterperspektive zu betrachten, ohne zu bewerten, was wahrgenommen wird, gehört zu den fundamentalsten Werkzeugen in der Psychotherapie. Es ist die zentrale Überlappungszone zwischen Psychotherapie und Zen-Meditation und hat eine sehr lange Tradition. Es ist auch eine Fähigkeit, die uns Menschen mit unserem einzigartigen Frontalkortex von Tieren unterscheidet. Wir können uns unser selbst bewusst sein, können uns auf eine Meta-Ebene begeben und abstrahieren (Sprache, Symbole). Dadurch entstehen Distanz und Regulation.
  • Distanzierungsfähigkeit
    Die oben beschriebene Fähigkeit der Selbstbeobachtung hat zur Folge, dass wir uns aus einer Distanz betrachten – als Beobachter unserer selbst. Das schafft Distanz zu Gefühlen und Wahrnehmungen, und erlaubt einen anderen Umgang damit. Insbesondere wenn es um starke unangenehme Gefühle geht, ist es hilfreich, sich als getrennt vom Gefühl wahrzunehmen. Das Gefühl kommt und geht wieder, wie eine Welle, die sich aufbäumt und wieder verebbt. Und wir sind hier und lassen es geschehen.

  • Aushalten von Gefühlen und Sensationen
    Die hier beschrieben Übung lädt ausdrücklich dazu ein, sich den Gefühlen und Sensationen gegenüber zu öffnen, und ihnen mit Interesse und Neugier zu begegnen. Dies mag für viele kontraintuitiv erscheinen, da man die unangenehmen Gefühle unter Kontrolle bekommen möchte anstatt noch mehr davon zu spüren. Das Paradox dabei ist jedoch, dass die Gefühle in ihrer Intensität an Bedrohung verlieren, je öfter wir ihnen begegnet sind und sie erfolgreich ausgehalten haben. Wie Bessel van der Kolk in seinem Buch «Verkörperter Schrecken» sagt: «
    Vermeiden von Körperbewusstsein erhöht die Vulnerabilität für überflutende Erfahrungen». Natürlich gibt es hier Grenzen, und vor allem für Traumatisierte gelten hier auch etwas andere Regeln, und ich würde eine solche Übung nicht empfehlen, alleine zuhause durchzuführen. Das Aushalten und Wahrnehmen von Gefühlen und Sensationen kann durchaus mit dem Gewichte-Heben im Fitnessstudio verglichen werden: Es trainiert den Muskel, und als Nebeneffekt wächst auch die Zuversicht in die eigene Fähigkeit. Wir müssen lernen, auf der Welle der Emotionen zu reiten, wie ein Surfer!
  • Benennen und Differenzieren von Phänomenen
    Die Übung hilft auch, die eigenen Erfahrungen besser einzuordnen und auseinanderzuhalten. Insbesondere hochsensible und traumatisierte Menschen erleben ihre Erfahrungen oft als überwältigende Riesenwellen, die kaum differenziert sind, und sich meist aus einer Vielzahl von Sensationen und Gefühlen zusammensetzen. Wenn es gelingt, diese zu benennen, einzuordnen und auseinanderzuhalten werden sie fassbar und verlieren an Bedrohlichkeit. Zudem konnte in zahlreichen Studien belegt werden, dass nur schon durch das Benennen von Emotionen die Selbstregulationsfähigkeit des Gehirns zunimmt (und sich Gehirnstrukturen wie die Insula und der mediale Präfrontalkortex strukturell verändern).
  • Fähigkeit zur Selbstregulation, respektive Selbstberuhigung
    Die Fähigkeit, sich und seine Emotionen zu regulieren bedeutet, einerseits wahrzunehmen, was los ist, es auszuhalten und zu lernen, was einen bei der Bewältigung helfen könnte. All diese Aspekte werden in der Übung ebenfalls abgedeckt. Einzig der soziale Aspekt bei der Umsetzung fehlt, also beispielsweise jemanden um Hilfe zu bitten oder sich zu wehren oder ähnlich. Insgesamt geht es hier um die Fähigkeit, das innere Gleichgewicht wieder herzustellen.
  • Verbindung zu sich stärken
    Wer die Verbindung zu sich selbst stärkt, kann sich wahrnehmen und bei sich verweilen. In der Polyvagaltheorie von Stephen Porges entspricht dies dem ventral-vagalen Zustand der sozialen Verbundenheit. Mit einer solchen Verbundenheit gehen Phänomene wie «Innere Ruhe», «Ankommen», «Einfach Sein», guter Orientierung (ich weiss und spüre im Körper, was ich will und was nicht), und sozialer Verbundenheit einher: «Ich kann einfach Ich sein und ohne Angst auf andere Menschen zugehen, ihnen in die Augen blicken und mit ihnen in Kontakt kommen». Eine innere Erfülltheit und Gelassenheit.

Anmerkung:
Verschiedene Therapieschulen haben ähnliche, nur leicht unterschiedliche Ebenen der Selbstwahrnehmung definiert. Genannt seien das SIBAM-Modell von Peter Levine (S=Senses, I=Images, B=Behavior, A=Affect, M=Meaning), oder das BASK-Modell von Bennett Braun zur Dissoziation (B=Behavior, A=Affect, S=Sensations, K=Knowledge) oder das Polarity-Therapie-Modell von Randolph Stone mit den drei Ebenen Gedanken, Emotionen & [Körper-]Empfindungen: Der Neo-Cortex als Vernunftebene, das limbische System als Emotionszentrum und das Reptilienhirn als Körperebene. Welches Modell praktiziert wird, kann jede*r selber entscheiden. Worauf es ankommt, ist, dass wir unser möglichst in allen Ebenen wahrnehmen lernen. So kann Integration entstehen.

Montag, 25. April 2022

Traumatherapie: Fallkonzeption nach EMDR

Die Planung und Konzeption einer Traumatherapie ist äusserst komplex und vielschichtig. Daher bin ich immer froh um Strukturen und Faktoren, die Orientierung geben können. In diesem Zusammenhang habe ich die Herangehensweise, wie sie im EMDR (Eye movement desensitization & reprocessing) praktiziert wird, als sehr hilfreich empfunden. Bevor ich genauer darauf eingehe, möchte ich aber die wohl einfachste Unterteilung einer Traumatherapie als Ausgangslage nehmen. Diese besteht aus den drei Phasen:

  1.  Stabilisierung
  2. Traumaverarbeitung (Exposition) und 
  3. Integration. 
In der Stabilisierungsphase müssen die Voraussetzungen erarbeitet werden, dass eine Konfrontation mit traumatischen Inhalten erfolgreich stattfinden kann. Dazu gehören die Fähigkeit, sich im Hier und Jetzt mit sich selbst verbinden zu können und seine - insbesondere negativen - Gefühle wahrnehmen und aushalten zu können ohne zu dissoziieren. Bis heute suche ich nach einem geeigneten Wort für diese Fähigkeit: 'Resilienz' oder 'emotionale Schwingungsfähigkeit' kommen nahe, doch vielleicht am besten illustriert das Spielzeug "Hoberman's Sphere" diese Fähigkeit: 
Es lässt sich wie ein lebender Organismus expandieren und kontrahieren, wobei die Kontraktion als eine chronifizierte Folge eines Traumas verstanden werden kann. Die vorsichtige Expansion symbolisiert hingegen die Lösung aus der Erstarrung und damit das Wieder-Lebendig-Werden. Erst wenn unser Organismus wieder eine gewisse Lebendigkeit erlangt hat, kann er Spannung von selber abbauen und damit Erlebtes verarbeiten. Und das muss langsam, tröpfchenweise erarbeitet werden. Peter Levine benutzt dieses Spielzeug regelmässig, um diesen Prozess in seiner Somatic Experiencing Methode darzustellen. Kommen wir jedoch zurück auf die notwendigen Lerninhalte der Stabilisierungsphase zurück, die neben Selbstwahrnehmung auch Emotionsregulationsfähigkeit und Etablierung einer minimalen Sicherheit umschliessen. Mit letzterer ist sowohl eine Sicherheit in der therapeutischen Beziehung gemeint, als auch eine im privaten, äusseren Leben. Die Umstände müssen sicher genug sein, d.h. es darf sicherlich keine aktuelle Traumatisierung stattfinden und kein Täterkontakt bestehen. Falls das noch nicht der Fall ist, muss die Patientin darin unterstützt werden, in diesen Bereichen die Bedrohung zu stoppen. Erst wenn diese (und andere) Voraussetzungen erfüllt sind, macht es Sinn, mit einer schrittweisen Traumakonfrontation zu beginnen, z.B. mit EMDR.
Traumaverarbeitung (Konfrontationsphase). Das heisst, die traumatisierte Person muss die Fähigkeit haben, sich, ihren Körper und ihre Emotionen zu spüren und auszuhalten, ohne zu dissoziieren oder vollkommen überwältigt zu sein. Den für eine erfolgreiche Traumaverarbeitung braucht es ein Mindestmass an emotionaler Verarbeitungsfähigkeit und Containment (zu deutsch: Haltefähigkeit). Zwischen Konfrontationssitzungen braucht es oft wieder eine Zeit der Ruhe, des Ausgleichs, manchmal Wochen bis Monate. Natürlich findet eine Konfrontation mit Trauma wahrscheinlich in jeder Therapiesitzung statt, da Traumatisierte durch sehr Vieles getriggert werden können. Da ihr Nervensystem so sensitiv ist, ortet es in vielen Momenten Gefahr, wo für andere Menschen keine ist. Bereits der Umstand, einem Therapeuten gegenüber zu sitzen und dessen Aufmerksamkeit auf sich zu wissen, kann einen grossen Trigger darstellen. Und wir sprechen noch nicht einmal von Vertrauen oder Sicherheit.

Die dritte Phase - die Integrationsphase - hat keinen klaren Beginn, da im Grunde nach jeder Konfrontation (die ja auch schon in der Stabilisierungsphase beginnt) eine Integration geschehen kann. In dieser Phase geht es darum, zurück ins Leben zu kommen und auszuprobieren, wie der Kontakt mit sich und den Mitmenschen wieder hergestellt und aufrecht erhalten werden kann. Es gilt zu entdecken, wer ich denn bin jenseits des Trauma. Dieser Prozess kann spannend und erfüllend, aber auch schmerzhaft und ernüchternd sein. Was ist denn jetzt möglich, was ist das neue Normal?

In einer EMDR-Therapie beginnt man mit einem Überblick über die traumarelevanten Erinnerungen. Begriffe dazu sind 'Life Line' (aus der NET-Therapie), 'Traumalandkarte' oder 'Trauma-Anamnese'. Je nach Ansatz werden Traumata (und schöne Ereignisse) erfasst, manchmal auch symbolisiert, und bewertet ohne zu stark in die Tiefe zu gehen. Dieses Vorgehen erfüllt folgende Nutzen:

1. Es entsteht eine überschaubare Übersicht über das Unfassbare

2. Der Therapeut bekommt einen Eindruck aus erster Hand davon, wie der Patient reagiert, wenn er mit den belastendsten Erinnerungen konfrontiert wird, und wie er (im Moment und in den tagen danach) damit umgeht. Es gibt also Aufschluss über die emotionale Schwingungsfähigkeit und die Emotionsregulationsfähigkeit (und allenfalls die Strategien und Ressourcen, mit denen sich jemand wieder ins Gleichgewicht bringt)

3. Es entsteht eine Liste von Erinnerungen, die man mit EMDR abarbeiten kann

4. Es vermindert den ungewollten Überraschungseffekt, der eintreten kann, wenn während einer Konfrontation plötzlich eine andere traumatische Erinnerung getriggert wird, meist ohne das Wissen des Therapeuten. Speziell beim EMDR geschieht der Verarbeitungsprozess in der Black Box des menschlichen Gehirns, und bleibt so gegen aussen unsichtbar. Im EMDR versucht man wenn möglichst zu vermeiden, dass ein Patient in eine andere Trauma-Erinnerung abrutscht. Obwohl dies grundsätzlich nicht zu vermeiden ist, hat man sich zumindest zuvor schon Gedanken darüber machen, welche anderen Traumatisierungen womöglich miteinander zusammenhängen und getriggert werden könnten im Laufe der Exposition.

Es ist anzumerken, dass die Erstellung einer solchen Trauma-Anamnese bereits eine massive Exposition ist, und vom Therapeuten erst dann vorgeschlagen werden soll, wenn er den Patienten als stabil genug empfindet, mit den aufkommenden Emotionen zurechtkommen zu können (s. Voraussetzungen für Exposition). Bei DIS-Patienten ist dieses Vorgehen nicht zu empfehlen. Zudem gelten im EMDR klare Vorgaben dazu, wie man sicherstellt, dass der Traumatisierte bei dieser initialen Erhebung nicht in die Tiefe des Traumas wegrutscht - zum Beispiel indem man dem Geschehenen nur eine Überschrift gibt, und nicht auf die Details eingeht ("Wurde in der Schule jahrelang gemobbt"). Es empfiehlt sich zudem, während der Erhebung der Trauma-Anamnese immer wieder Stabilisierungs- und Distanzierungsübungen zu machen, und auch hilfreiche Ressourcen herbeizuziehen.

Als lohnenswerte Erweiterung der Trauma-Anamnese erhebe ich auch oft - natürlich nur, falls die Person auch genügend stabil ist - die sogenannten negativen Kognitionen (NK), die sozusagen die Essenz der Traumatisierung beschreiben. Was genau an diesem Vorfall war denn so schlimm für die Person? Dazu möchte ich  zunächst beschreiben, was mit negativen Kognitionen gemeint ist:

Negative Kognitionen werden im EMDR erfragt mit der Frage "Was ist das Schlimmste, was sie über sich in diesem schlimmsten Moment des Traumas denken können?". Die Frage führt oft zu initialer Verwirrung, und muss oft eine Weile erarbeitet werden, was aber sehr lohnenswert, und meiner Ansicht nach zentral ist. Es geht um die Selbst-Bewertung, den 'false belief' die Selbstüberzeugung, die aus dem Vorfall entstanden ist. Beispielsweise könnte jemand, der einen Raubüberfall über sich ergehen lassen musste, danach die Überzeugung erlangen: "Ich bin schwach, ohnmächtig und kann mich nicht wehren." Oder jemand, der von den Eltern ständig beschämt und erniedrigt wurde, kann die negative Kognition "Ich bin schlecht und nicht liebenswert" entwickeln.

Francine Shapiro, die Begründerin der EMDR Methode, hat diese negativen Kognitionen in vier Themenbereiche unterteilt:

1) Sicherheit / Überleben (Leitgefühl: Angst, Panik) 
 
2) Verantwortlichkeit / Schuld (Leitgefühl: Schuld, Scham) 
 
3) Selbstwert (Leitgefühl: Scham) 
 
4) Wahlmöglichkeiten / Entscheidung (Leitgefühl: Schwächegefühl)

Die Unterscheidung der verschiedenen Gruppen ist komplex, und oft nicht 100% trennscharf abzugrenzen. So geht es darum, Differenzierungen wie zwischen «Ich kann mich nicht wehren» (Wahlmöglichkeiten) und «Ich bin schwach» (Selbstwert) und «Ich bin ohnmächtig» (Sicherheit) herauszuarbeiten. Erfahrungsgemäss enthalten stark traumatisierende Erlebnisse multiple Kern-Themen, wie zum Beispiel Sicherheit (Ich bin hilflos ausgeliefert), Schuld/Scham (Ich bin ein Versager, ich bin alleine und verloren). Im Folgenden sind einige typische Sätze (negative Kognitionen) der vier Bereiche aufgelistet. Rechts sind die entsprechenden positiven Kognitionen aufgelistet. Eine längere Liste findet sich hier (Englisch).

1) Sicherheit / Überleben / Verletzlichkeit (Leitgefühl: Angst, Panik)

             Ich werde sterben                                    Ich (über)lebe
             Ich bin in Gefahr
                                     Ich bin sicher / Ich kann mich in Sicherheit bringen
             Ich kann niemandem vertrauen               Ich kann vertrauen

·       2) Verantwortlichkeit / Schuld (Leitgefühl: Schuld, Scham)

              Ich bin inkompetent                                Ich bin kompetent
              Ich bin schwach
                                      Ich bin stark / ich kann mir Hilfe holen
              Ich mache alles falsch                             Ich bin nicht perfekt und das ist ok

·      3) Selbstwert / Minderwertigkeit (Leitgefühl: Scha

                   Ich bin ein schlechter Mensch                  Ich bin ein guter Mensch
             Ich bin nicht liebenswert                          Ich bin liebenswert

             Ich bin nicht gut genug                             Ich bin gut genug

·       4) Wahlmöglichkeiten / Entscheidung (Leitgefühl: Schwächegefühl)

             Ich kann mich nicht wehren                    Ich kann mich wehren
             Ich habe keine Kontrolle                         Ich habe die Kontrolle
             Ich bin gefangen                                      Ich kann mich befreien, ich habe Optionen

Das Herausarbeiten der zutreffenden Kognitionen ist insbesondere von zentraler Wichtigkeit, wenn mit EMDR weitergearbeitet wird. Ich vergleiche EMDR manchmal mit einem potenten Laser, dessen Einsatz viel bewirken kann, wenn er optimal ausgerichtet ist. Bei mangelhafter Ausrichtung hilft auch der potensteste Laser nichts! Meiner Ansicht nach besteht die Kunst der EMDR Therapie in erster Linie darin, den Kern der Traumatisierung zu fassen zu kriegen. Die Durchführung an sich ist relativ einfach.

Wenn die Trauma-Anamnese dann einmal erhoben ist, ergeben sich oft aus den vielen Erlebnissen einige wenige Trauma-Cluster, bei denen es um dasselbe oder ein nahe verwandtes Kernthema geht. Die meisten Menschen – egal ob traumatisiert oder nicht – besitzen 3-4 Lebensthemen, die man sich in Form von Traumanetzwerken im Gehirn vorstellen kann. Das Gedächtnis sitzt - nicht wie früher geglaubt wurde – an einem bestimmten Ort im Gehirn, sondern muss vielmehr als Netzwerk verschiedener Aktivitätsmuster vorgestellt werden, wie eine Art Spinnennetz. Und so wie die Spinne bemerkt, dass eine Fliege irgendwo in ihr Netz geflogen ist, so bemerken auch wir sofort, wenn ein bestimmtes Netzwerk aktiviert worden ist. Auf diese Weise können Traumatrigger erklärt werden, die ja bekanntlich in allen möglichen Formen daherkommen, sei es Sinneswahrnehmungen, Situationen, Bilder, Gerüche, aber auch Gefühle oder Gedanken. Wenn man dann mit EMDR an einem Traumanetzwerk arbeitet, dann wird das gesamte Netzwerk bearbeitet. So kann es oft vorkommen, dass miteinander verwandte Traumata eine Linderung erfahren, auch wenn nur eines davon bearbeitet wird. Meist ist es dann aber trotzdem nötig, jedes einzelne gesondert zu behandeln. Aber es gibt einen gewissen Generalisierungs- und Übertragungseffekt.  

Zusammenfassung:
Die in der EMDR gebräuchliche Methode einer Trauma-Anamnese kann dazu beitragen, auch bei nicht traumatisierten Patienten in relativ kurzer Zeit ein gutes Verständnis über die essentielle Problematik des Patienten zu erhalten. Durch die Erhebung der belastendsten Ereignissen ensteht eine Traumalandkarte, aus der die negativen Überzeugungen herausgearbeitet werden können. Diese schliessen sich oft zu einigen wenigen Clustern zusammen. Auf diese Weise kann ein kohärenter Therapieplan entstehen, der natürlich immer durch den Patienten validiert werden muss.